390 Schott. Untersuchung des Geistes durch kühne und furchtlose Ausübung ihrer Hauptverrichtungen. Diese sind von zweierlei Art: die eine vermehrt das Glück des Geistes, die andere das körperliche Wohlsein. Wenn wir uns einen vollkommenen Menschen vorstellen wollen, so müssen wir annehmen, dass er beide Formen der Glückseligkeit im höchsten Grade in sich vereinige und aus seinem Körper und aus seinem Geiste jeden Genuss entnehme, der mit seinem Wohl und mit dem Wohl Anderer bestehen kann. Da sich ein solches Ideal aber nicht voriindet, so ereignet es sich fortdauernd, dass selbst die Weisesten unter uns das Gleich- gewicht nicht aufrecht zu erhalten vermögen, und wir fehlen, theils indem wir dem Körper, theils indem wir dem Geiste zu viel nach- geben. Wenn wir beide Arten der Befriedigung mit einander ver- gleichen, so leidet es keinen Zweifel, dass die intellectuellen Ver- gnügungen in mancher Hinsicht über den physischen stehen; sie sind zahlreicher, vielfältiger, dauernder und veredeln uns mehr; sie werden dem Einzelnen Weniger leicht zum Ueberdruss und bringen mehr Gutes für das Menschengeschlechthervor. Aber für Einen, der intellectueller Genüsse fähig ist, giebt es mindestens hundert, die physischer Genüsse fähig sind. Das Glück sinnlicher Genüsse breitet sich also über ein grösseres Feld aus und be- friedigt in einem gegebenen Zeitpunkte eine grössere Anzahl Per- sonen, als es die andere Form des Genusses vermag, besitzt daher eine Bedeutung, welche Viele, die sich Philosophen nennen, nicht anzuerkennen geneigt sind. Nur zu oft haben philosophische und speculative Denker durch eine thörichte Verwerfung solcher Ver- gnügungen Alles gethan, was in ihrer Macht stand, das Maass des Glücks, dessen die Menschheit fähig ist, zu verkürzen. Diese Schriftsteller vergessen, dass wir so gut Körper als Seelen haben, und vergessen ebenfalls, dass in der bei weitem grössten Mehrheit von Fällen der Körper mehr als der Geist in Thätigkeit ist, dass er mächtiger ist, dass er eine augenfalligere Rolle spielt und zu grösseren Thaten sich eignet; und darum begehen sie den unge- heuren, Irrthurn, die Klasse von Handlungen zu verachten, zu der 99 Menschen aus jedem Hundert am aufgelegtesten und am ge- schicktesten sind. Und weil sie diesen Irrthum begehen, so werden sie damit bestraft, dass ihre Bücher nicht gelesen, ihre Systeme nicht beachtet und ihre Lebensart vielleicht von wenigen einsamen Gelehrten angenommen wird, von der grossen Welt der Wirk- lichkeit aber ausgeschlossen bleibt, weil sie sich für diese nicht eignet und in ihr das ernstlichste Unheil anrichten würde.