Grabsteine. 547 kürzerem Oberrocke, die Stirnbintle mit in Mastix nachgeahmten Edelsteinen, das llaupt wie gewöhnlich auf einem Kissen, die Füsse auf dem Löwen ruhend, mit gefalteten Händen, auf dem vollen Gesichte ein naives kindliches Lächeln, das mit der Gra- besruhe contrastirt und die Beschauer dieser Grüfte zu fesseln pflegt. Auch unter den ritterlichen Gestalten der königlichen Familie sind einige in ihrer Art sehr schön; alle ruhig und schlicht gehalten, das Kostüm einfach, im Kettenharnisch mit weitem faltigen Oberkleide, das kurze Schwert und den lilien- besäeten Schild an der Seite, das Haupt unbedeckt, das Haar vorn kurz geschnitten, seitwärts in den bekannten geringelten Locken her-abfallend, die Züge des glattrasirten Gesichts männ- lich edel und kräftig, nicht ohne Individualität. Das Bild des Grafen von Etampes 1336) ist das schönste dieser Art, die Gestalt hier, wie häufig, von Weisscm, die Platte von schwarzem Marmor. Grabsteine von ähnlichem Verdienst, natürlich meistens in geringerem Stoffe, auch wohl statt des Reliefs nur in den Stein eingegrabene Zeichnung, haben sich noch zahlreich in allen Ge- genden Frankreichs erhalten; besonders zeigen die weiblichen Gestalten, mit dem milden frommen Ausdrucke des schönen Ge- sichtes, der edlen Körperhaltung, den reinen Linien der Gewän- der die Kunst dieser Zeit im günstigsten Lichteic), während die männlichen oft Tiefe und Energie vermissen lassen. Diesen Mangel empfinden wir dann noch bestimmter an den kirchlichen Sculptnren, Welche wir freilich nicht in so gross- artigen Gruppen und nicht so zahlreich, wie aus der vorigen 1') Vergl. oben S. 386 die Abbildung der drei Hauptgestalteir aus einer grossen Sandsteintufel in N. D. von Chalons-sur-Marne, nach Didron Annales arch. III, 284, jedoch mit Weglassung der sehr reichen architektonischen Ein- rahmung und der darin angebrachten Nebengestalten. Es ist eine Mutter zwi- scheu zwei erwachsenen 'l'öclrtern, von denen die eine verheirathet, die andere als Nonne verstorben war, das letzte Todesjahr 1338. Die Innigkeit der drei schönen, schlanken Figuren, die Wendung der Töchter zur Mutter ist zart und ergreifend. Die beiden Weltdamen zeigen die Eigenthiimlichkeit, dass das Hermelinfutfer ihrer Mäntel Wappenschildei- bildet; übrigens ist die 'l'racht, besonders im Gegensatze gegen die der Damen auf englischen Gräbern, einfach und geschmackvoll. Ein männliches, ritterliches Grabbild aus St. Thibault bei Scmur bei Ilidron a. a. O. V, 193. 35 1'