494 Nürnberger Malerschule. Propheten und Apostel mit moralischen Denksprüchen in deut- scher Sprache dargestellt sind, ist noch vollkommen in den Schwächen des bisherigen Styls befangen. Die Gestalten sind mit sehr bewegten, nicht ausdruckslosen Geberden, namentlich der übergrossen Hände, mit bedeutungsvollen aber sehr grellen Mienen gegeben, dabei aber noch ganz ohne Gefühl für den Kör- perbau, übermässig schlank und mit unruhig ineinanderfliessen- den Gewandlinien. Bald darauf aber, als in ganz Deutschland aus allgemeinen Ursachen ein grösseres Begehren nach Tafel- malereien entstand und sich an die Mittelpunkte gewerblicher 'l'hätigkeit wendete, bildete sich auch hier eine blühende Maler- schule, deren Werke in den Nürnberger Kirchen noch in ziem- lieh beträchtlicher Zahl erhalten sind. Die ältesten derselben scheinen indessen nicht früher als gegen 1400 entstanden zu sein, mithin viel später als jene Sculpturen, mit denen sie auch nur in entfernter Verwandtschaft stehen Eine Abhängigkeit dieser Nürnberger von andern deutschen Malerschulen ist nicht anzunehmen; mit der Prager hat sie die ins Bräunliche spielende Farbe, aber weder die Körperbildung noch die geistige Richtung gemein. Näher steht sie der Kölni- sehen; sie arbeitet mit einem ähnlich flüssigen Bindemittel, theilt die ideale religiöse Richtung im Allgemeinen, und geht allmälig wie jene von schlankeren zu kürzeren und volleren Verhältnissen über. Aber sie thut dies Alles in etwas anderer Weise; sie bringt gleich anfangs ein bestimmtes Bewusstsein des Körperbaues, wohl als die Errungenschaft jener plastischen Schule mit, sie malt auch mit schwereren Farbentöneir, kann sich daher den Ideen von überirdischer Reinheit und Schönheit nicht so unbe- diugt hingeben wie Meister Wilhelm und hat gleich anfangs eine grössere realistische Wahrheit und Nüchternheit, die ihr auch Bei näherer Kenntniss mittelalterlicher Kunst erscheint die Ueberein- Stimmung gewisser Gemälde mit den Seulpturen der Frauenkirche, auf welche man früher chronologische Schlüsse baute, keinesweges so gross, wie man da- mals annahm, und es ist nur soviel zuzugeben, dass die Richtung, welche die Plastik durch Schonhover und seine Schüler genommen, in ihrem Gegensatze gegen die mehr malerische Weise der Kölner Schule sich in Nürnberg festge- setzt und auch auf die erst später sich entwickelnde Malerei einen Einfluss ausgeübt hat.