Schule Meister Stephanas. 461 Krone auf dem Haupte, unter ihrem von den ausgebreiteten Armgn herabfallendcn grünen Mantel vier ihrer Jungfrauen schützend, zu diesem Altare gehörte, lasse ich dahin gestellt. Die Gestalt ist voll Hoheit und Anmuth, die Gesichtsbildung an der Heiligen selbst schlank und edel, und an den Köpfchen der knienden Jungfrauen höchst lieblich, der Fall des Gewandes vom schön- sten Schwunge der Linie, durchaus noch mit Anklängen der älteren Schule, überhaupt das Ganze einigermassen verwandt der Jungfrau des Priesterseminars und in mehr idealer Richtung als das Dombild. Die leicht gehaltene Farbe deutet darauf, dass es ein Aussenflügel war, der gewöhnlich den Gesellen überlassen wurde und so möglicherweise dies Mal in die Hand eines solchen gekommen sein mag, in dem sich der Geist der neuen Zeit be- stimmter und reiner gestaltete. Von anderer Hand ist ein zweites grosses Altarwerk, einst in der Kölner Kirche St. Laurentius, jetzt sehr zerstreut, indem sich das Mittelbild mit einer Darstellungdes jüngsten Gerichtes im Kölner Museum, zwölf Innenbilder der Flügel mit den Mar- tyrien der Apostel im Städelschen Institut in Frankfurt am Main und endlich zwei Tafeln mit je drei Heiligen in der Pinakothek zu München (Cab. I, Nro. 10 und 14) vorfinden. Hier sind wir bei einem Schüler oder Zeitgenossen Stephans, der, wenn er auch in der Farbe und im Typischen gewisse Aehnlichkeiten mit ihm hat, mit ganz anderen Begriffen verfuhr und an Schönheitsgefühl ebensoweit unter ihm stand, als er ihn in Körperkenntniss und vielleicht Phantasie übertraf Das jüngste Gericht giebt in noch sehr symmetrischer Anordnung das Vorbild für die vielen Dar- stellungen dieses Gegenstandes, die im Laufe des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts in Deutschland und den Nieder- landen ausgeführt wurden. Oben auf Goldgrund Christus als W eltrichter auf dem Regenbogen thronend, rechts und links Ü Wenn wir überrascht sind, dass Mosler und Passavant (1833) dieses Werk dem Dombildlneister zuschreiben konnten, müssen wir sowohl die sehr viel kleinere Zahl ihnen bekannter Bilder dieser Schule als den damaligen Standpunkt der Kunstgeschichte in Anschlag bringen, welche weder von der grossen Zahl der Maler noch von dem Wirken des Zeitgeistes hinlängliche Anschauung hatte, und daher überall glaubte, nur wenige Persönlichkeiten vor sich zu haben, auf welche alle Denkmäler bezogen werden müssten.