Naturalistische Fortschritte. 441 religiösen Gefühls, welche an der Gränze des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts begann und sich in derzeit der grossen Concilien feststellte. Schon die nächste, jener älteren folgende künstlerische Generation empfing dadurch eine ganz andere Auf- fassung. Die strenge oder naive, mehr aus subjectiver Empfin- dung sehöpfende ldealität entsprach der sehnsüchtig strebenden oder kindlich freudigen Andacht ihrer Zeit; die ruhige, mehr kirchliche Religiosität, welche jetzt aufkam und sich mit der Richtung auf behaglichen, sinnlichen Lebensgenuss so wohl ver- trug, verlangte volleres sinnliches Leben, grössere Naturwahr- heit, derbere, allgemein verständliche Züge; sie brauchte, um in den Kirchen zu wirken, grössere Dimensionen, und wollte ihre Heiligen zwar wohl mit Anmuth , aber auch mit der Fülle irdi- scher Kraft und mit dem Glanze weltlicher Hoheit umgeben sehen. Natürlich wurden diese Anforderungen nicht" sogleich von allen und mit gleicher Tiefe verstanden, aber allmälig bildete sich doch ein gemeinsames Streben nach dem noch unbekannten Ziele. Eine grosse Zahl noch auf uns gekommener Bilder, offenbar von vielen verschiedenen Händen und in einem ziemlich umfassenden Zeitraume entstanden, geben davon Zeugniss. Die Abstammung von der Schule des Meisters Wilhelm ist nicht zu verkennen; gewisse typische Züge, Eigenthümlichkeiteil der Anschauungs- weise, der Färbung und sonstiger 'l'echnik erhalten sich noch lange, aber dabei finden sich doch zahlreiche Abweichungen von dem bisherigen XVege. Die Verhältnisse der Figuren werden statt lang und schmächtig eher kurz und gedrungen, das Oval des Gesichtes nähert sich dem Kreise, Arme und Hände werden naturgelnässer, die Glieder voller, die Modellirung, zwar noch etwas allgemein und unbestimmt, zeigt doch deutlicheres Gefühl für die Körperlichkeit. Die Haltung der Gestalten nimmt eine be- hagliche Breite an, namentlich sind die Beine, die früher meist möglichst zusammengehalten und von dem langen Gewande be- deckt wurden, gern auseinandergestellt, selbst gespreizt. Die Bewegungen haben den Charakter des schüchternen und Zu- rückgehaltenen verloren, sind dreister und freier, wobei denn freilich und selbst bei den ausgezeichnetesten Meistern Ueber- treihungen, eckige und naturwidrige Formen vorkommen. Die