768 Die Plastik in England. eine grosse Zahl einheimischerf Talente hervor, welche sich die Kunst ihrer Lehrer zu eigen machten, ihr aber auch eine andere, national-englische Richtung gaben. Sie stand mit der Auffassung, welche die gothische Architektur in England erhalten hatte, im engsten Zusammenhange. Die niedrigen Portale mit geöffnetem Bogenfelde, an welche man sich hier gewöhnt hatte, die wenig ausladenden Strebepfeiler, die dadurch bedingte Bekleidung der Facadeil mit Blendarcaden eigneten sich nicht für Statuen oder grössere Reliefs; das Aeussere der Kirchen erhielt daher nur in seltenen Fällen, und zwar dann mit augenscheinlicher Nachahmung continentaler Vorbilder, bedeutenden plasti- schen Schmuck. Dagegen liebte die englische Sitte eine reiche Ausstattung des Innern, zwar nicht an den Kapi- tälen und tragenden Gliedern, wohl aber an den architek- tonisch unwirksamen Stellen, und hier kam denn die Sculptur sehr gelegen, um die Monotonie bedeutungsloser Decoration zu unterbrechen. Wir finden sie daher beson- ders in den Bogenzwickeln der Triforien und Arcaden reichlichst und mit grossenl Geschmacke verwendet. Die Aufgaben, mit Welchen die Plastik hier beschäftigt wurde, waren daher ganz andere; sie hatte nicht grosse, gedau- kenreiche Bildwerke auszuführen, welche sich auf archi- tektonischer Grundlage gliederten, sie übte sich nicht an kolossalen Statuen, sondern meistens an Reliefs und zwar von kleiner Dimension und decorativer Bestimmung. Dies alles konnte nicht ohne Einfluss auf den Geist der Kunst bleiben. Sie war auf das Anmuthige und Zierliche, nicht auf das Strenge und Ernste angewiesen, und gab sich oft einer realistischen Neigung hin, welche sich auf dem Con- tinent erst später einstellte. Hierin wurde sie noch durch einen anderen Umstand bestärkt. Grabdenkmäler mit dem plastischen Bilde der Verstorbenen Waren in England früher