572 Gothischer Styl in Deutschland. in ihren hohen zwei- und viertheiligen Fenstern völlig ausgebildetes Maasswerk von reinster und edelster Art. Wir sehen daher an diesen Domen den gothischen Styl zwar nicht mit der genauen Nachbildung französischer Weise, wie am Rheine, aber doch mit näherem Anschluss an dieselbe, als in Hessen und Westphalen, und mit voll- stem Verständniss seines Princips angewendet. Nur darin bemerken wir einen wesentlichen Unterschied, dass statt des Kapellenkranzes (mit Ausnahme des frühen Versuchs in Magdeburg) stets die einfache polygone Chornische an- gewendet lmd das Kreuz einschiffig gehalten ist, dass also statt der breiten und massenhaften Grundverhältnisse der französischen Kirchen die Längenrichtung verwaltet; eine Aenderung, welche wohl zunächst aus Sparsamkeit und aus der Gewöhnung an sehlichtere Formen hervorging, zugleich aber doch auch wenigstens in der Erscheinung des Aeusseren dazu beitrug, das Moment schlanken, ver- ticalen Aufsteigens zu betonen. An den anderen Kathedralen und Stiftern des Sachsen- landes bestanden die älteren Kirchen noch in guter Erhal- tung, so dass an ihnen wenigstens keine grösseren Bauten in dieser Zeit unternommen Wurden. Doch zeigt der schöne Kreuzgang am Dome zu Erfurt, wie sich hier unmit- telbar an die Ausübung des reichen spätromanischen Styles eine freie und elegante Gothik anschloss. Einzelne der viertheiligen Lichtöifnungen haben nämlich noch ganz ro- manische Säulen, das Eckblatt der Basis und die üppig ausladenden Kelchkapitäle mit romanischen Ranken, doch ist das Bogenfeld schon durch offene Kreise durchbrochen. Andere und zwar an derselben Seite des Kreuzganges zei- gen dagegen reinen gothischen Styl, Säulchen mit schlan- ken, reizend ausgeführten Kapitälen, freie Blattkränze, wohl gebildetes, wenn auch noch primitives Maasswerk.