Allgemeine Charakteristik. 297 Architektur eine symbolische Bedeutung hinein. Daran War überdies die Nation gewöhnt; die derben Formen des normannischen Styls waren wirklich der Ausdruck der Wehrhaftigkeit und Kraftfülle der Beherrscher dem besieg- ten Volke gegenüber. Jetzt hatten sich die Zeiten geän- dert; die Stämme waren verschmolzen, die neugebildete Nation ordnete ihre Verhältnisse in klarer und segensrei- cher Weise. Statt jenes Trotzes liebte man jetzt ritterliche Eigenschaften, tapferen Muth, unbeugsamen Willen, aber gepaart mit Gesetzlichkeit und Mässigung mid mit der Empfänglichkeit für zarte Gefühle. Dieser Sinnesweise konnten die alten rohen Formen nicht mehr genügen. Als daher der neue Styl über den Kanal kam und entgegen- gesetzte Züge darbot, nahm man keinen Anstand, ihn mit rascher Aufopferung des alten Geschmacks sich anzueignen, begann aber auch sofort, ihn in jener symbolisch-decora- tiven Weise zu behandeln, beschränkte daher den con- structiven Ausdruck und betonte die dccorativen Elemente, bis man die Formen gefunden hatte, welche die gewünschte ldeenverbindung gaben. Dies erklärt die rasche und gleichmässige Ausbildung des englischen Styls. Er entwickelte sich nicht aus den älteren Formen, sondern wurde mit Verwerfung derselben aufgenommen. Er hatte nicht mit der Feststellung der constructiven Erfordernisse und der Entwickelung des Or- naments aus denselben zu kämpfen; der Anforderung, in jedem Gliede seine Function auszusprechen und doch das Ganze in Harmonie zu halten, war man überhoben. Wie viele Versuche machten die Meister von Chartres, Rheims, Amiens und ihre Zeitgenossen, um die richtigen Verhält- nisse der Schäfte und Kapitäle an Kernpfeilern und an- liegenden Säulen zu finden, wie schwer wurde es ihnen, die schöne Form des korinthischen Kelchs aufzugeben, wie