Die darstellenden Künste. 39 welcher ihre Handschriften zu illustriren hatte, durch die Wärme der poetischen Schilderung zu lebendigeren und ausdrucksvollereil Bewegungen zu begeistern. Dagegen War der mittelbare Einfluss der Poesie auf diese Künste nicht unbedeutend. YVenn die lilinnesänger die Anmuth ihrer Damen und die Lieblichkeit des Frühlings feiern, sprechen sie freilich nur leichte, subjective Empfindungen aus; aber ihre Lieder führten doch dahin, das Auge für die Natur zu öffnen, den traditionellen BegrilT der Schönheit mit dem WVohlgefallen an der natürlichen Erscheinung in Verbin- dung zu bringen. Die Spuren eines zunehmenden Gefühls für psychologische VValn-heit, für Lebendigkeit und Aus- druck der Bewegungen linden sich daher in den plastischen WVerken bald nachdem die neue Dichtung mehr und mehr Gemeingut geworden war. Vom Anfange des dreizehnten Jahrhunderts an zeigen auch die Pflanzenornainelite statt der bisherigen conventionellen Form mehr und mehr eine Aehnlichkcit mit einheimischen Gewächsen. Aber erst noch später, als die Dichtkunst schon auf ihrer Höhe stand und tiefer eingewirkt haben konnte, äussert sich ein stärkeres und richtigeres Gefühl für die Schönheit der menschlichen Gestalt; die Formen werden voller und gerundeter, die Mienen und Bewegungen sprechender und anmuthiger. Und dies geschieht in einer den ritterlichen Dichtungen sehr verwandten Weise, mit derselben Leichtigkeit der Production, mit denselben Sclnvächeli. Die Körperverhält- nisse und Ausdrucksmittel sind unbestimmt, wie dort die psy- chologischen Motive, das Charakteristische ist noch wenig ausgebildet. Tiefere Studien sind überall nicht gemacht, und das V erstahulniss der Natur äussert sich mehr an Weib- lichen, als an männlichen Gestalten, befriedigender im Holdseligen und Freundlichen, als im Ausdrucke des Schmerzes oder ruhiger XVürde. Können wir daher auch