Architektur. 33 der Phantasie die Flügel, gab den Gefühlen vVorte und dadurch ein berechtigtes Dasein, kräftigte und läuterte sie. Aber freilich die höchste Aensserung ihrer Zeit konnte sie dennoch nicht werden. In ganz anderer, fast entgegengesetzter Stellung befand sich die Architektur. Die Poesie War neu und ignorirte die X70rhildung, Welche die in ihr ausgesprochenen Gefühle und Gedanken unter der Ilerrschaft des traditionellen latei- nischen Elements erhalten hatten. Die Baukunst hatte schon eine Vergangenheit; der Styl der vorigen Epoche, wenn auch auf traditionellen Grundlagen beruhend, war doch ein Erzeugniss des Volksgeistes, der hier ein Mittel der Aeus- serung gefunden hatte, während die Sprache ihm noch versagt war. Auch die Architektur erfuhr zwar durch das neue, selbstbewusste Erwachen der Nationalität einen mäch- tigen Impuls, der aber doch nur eine Umgestaltung der bisher gebrauchten Formen, nicht wie bei der National- dichtung ein völlig neues, von den bisherigen Leistungen unabhängiges Erzeugniss hervorbraehte. Der ganze Schatz von Erfahrungen, welche bisher gemacht waren, die ganze noch jetzt bestehende Kraft des lateinischen Elementes blieb ihr nnverkürzt. Während die Poesie nur einem Stande angehörte, während das religiöse Leben sie kaum berührte, jedenfalls nicht mit seiner vollen Strömung durchtloss, stand die Architektur im Dienste der Kirche, wurde aber durch die Frische und Kraft der Nationalität, durch die Mitwir- kung und Theilnahme aller Stände gefördert. In der v0- rigen Epoche war auch sie von einem einzigen Stande ausgegangen, aber doch von der Geistlichkeit, von dem Stande, welchem alle Quellen des geistigen Lebens zuflos- sen, der sich aus allen Klassen des Volkes ergänzte, der nicht, wie die Ritterschaft, die anderen aussehloss. Diese Beschränkung hörte jetzt auf. Seitdem das Selbstgefühl V. 3