32 Historische Einleitung. keine Heimath, schweift in allen Ländern und Zeitaltern umher. Ihre Sänger treten als Einzelne auf, als Bericht- erstatter, nicht von göttlichen Dingen oder von der grossen Vergangenheit, sondern von vereinzelten Abenteuern und persönlichen Gefühlen, oder höchstens von phantastisch entstellten Sagen, Welche sie selbst nicht verbürgen, die sie nur scheinbar auf fremde Zeugnisse stützen. Diese anspruchslose Haltung ist ein wesentliches Element der romantischen Poesie, alle ihre Vorzüge hängen damit zu- sammen; sie gestattet dem Dichter, sich kühner zu bewe- gen, Unerhörtes zu wagen, sich mit anmuthiger Leichtig- keit zu unterbrechen, der eigenen Phantasie freiesten Auf- schwung zu gestatten, die der Zuhörer zu reizen und zu steigern. Aber sie ist auch nicht bloss ein künstlerisches Mittel, sondern eine innerlich begründete, nothwendige Folge der ganzen Stellung der Poesie; sie schloss jene höhere künstlerische Objectivität aus, durch welche die klassische Durchbildung der Poesie bedingt ist, gab den Dichtern eine dilettantische Richtung, verleitete und nöthigte fast zu Ungleichheiten , zur Geschwätzigkeit, zu Künste- leien des Verses und des Gedankens, so dass auch diese Fehler, welche nach Maassgabe der grösseren oder gerin- geren Fähigkeit der einzelnen Dichter mehr oder minder hervortreten, nicht vereinzelte oder zufällige Erscheinungen, sondern in der Natur der Verhältnisse begründet sind. Bei alledem haben diese Gedichte doch grosse Vorzüge, die edelsten Motive aufopfernder Begeisterung und einer grossartigen Weltanschauung liegen vielen zum Grunde, Jugendwärme und Waldfrische wehen uns. aus ihnen ent- gegen. Und noch wichtiger waren sie für ihre Zeit. Die Poesie befreite den Geist von seinen Banden, wagte sich, je laienhafter und dilettantischer desto kühner, auf die Gebiete religiöser und philosophischer Gedanken; sie löste