Fortschreitende Reife der Charaktere. 19 und poetischen Elemente sind in das Leben eingedrungen, und geben, verbunden mit der noch immer vorherrschenden Jugendlichkeit, den 'l'haten den Ausdruck genialer Kühnheit Eine hervorragende, charakteristische Gestalt dieser Zeit ist Friedrich II., ein Fürst, von durchdachten Planen, das Staatsleben schon in allen Beziehungen überblickend, ein- sichtiger Gesetzgeber, für Wissenschaft und Kunst empfäng- lich, dabei aber ein wahrer Ritter, die Welthändel wie kühne Abenteuer durchkämpfend, prachtliebend, geistreich, von Sängern umgeben, auf den Ruhm edler Sitte Anspruch machend und selbst den eines Meisters in der nobeln Pas- sion der Falkenjagd nicht verschmähend. Sein grosser Gegner, Innocenz III., ist ihm, so viel es die Ver- schiedenheit ihrer Stellung gestattet, ganz ebenbürtig, klug, kühn und prachtliebend wie Friedrich, gelehrt, ein Meister scholastischer Kunst und symbolischer Deutung, auf theo- retischem Gebiete ebenso gross wie auf politischem, in sei- nen Ansprüchen über das Maass des Richtigen und Aus- führbaren hinausgehend, aber dennoch im Ganzen im guten Glauben seines Rechts, nicht unzugänglich für Gegen- gründe. Eine schönere Erscheinung auf geistlichem Ge- biete ist fi'eilicl1 der Bürgerssohn von Assisi, der heilige Franciscus, aber auch er ganz diesem Zeitalter angehörig und charakteristisch für dasselbe. Seine Frömmigkeit, die tiefste und innigste, hat sich dennoch von der Autorität losgerissen, seine Opposition gegen den Reichthum der Kirche athmet den demokratischen Geist des aufkommenden Bürgerthums und wird mit ritterlicher Kühnheit durchge- führt, und seine schwärmerische Liebe, obgleich der Ar- mnth Christi als seiner Braut gewidmet, hat eine innere Verwandtschaft mit der weltlichen Leidenschaft des Trou- badours. Weniger genial, aber nicht weniger liebenswürdig als dieser Apostel der Armuth ist sein Genosse in den