530 Sculptur und Malerei. In dem ganzen Verlaufe dieser Entwickelung lag indessen im Wesentlichen stets dieselbe Auffassung der darstellen- den Künste lllld ihres Verhältnisses zur Natur zum Grunde, welche in jenen irischen Miniaturen, nur mit höchster und barbarischer Schroffheit, aufgetreten war. Wenn die Kmist hier ganz Arabeske wurde und die Gliederung der mensch- lichen Gestalt nur als ein Motiv für willkürliche Federzüge benutzte, näherte sie sich zwar später mehr der Natur, behielt aber dennoch die Arabeske in den Initialen und sonstigen Verzierungen als einen wesentlichen Bestandtheil der Kunst bei, und behandelte selbst die natürlichen Her- gänge mit einer phantastischen, der Arabeske sich annä- hernden Freiheit. In der monumentalen Malerei und in der Sculptur konnte dies nun nicht in dem Maasse, wie in den Miniaturen der Handschriften geschehen, aber auch da blieb man in Beziehung auf die Natürlichkeit der Hergänge und die Individualität der Gestalten bei der allgemeinsten und abstractesten Wahrheit stehen, und schloss sich mehr und mehr der Architektur an, bis diese endlich so ausgebildet und so sehr die vorherrschende Thätigkeit des Zeitalters geworden War, dass ihre Einwirkung sich auch auf die Darstellung der Gestalten erstreckte. Das Arabeskenartige und das Architektonische sind in der That in dieser Be- ziehung nur verschiedene Seiten derselben Auffassungs- weise, sie beruhen beide auf dem Ueberwiegen des Styli- stischen über das Natürliche, und verhalten sich zu einan- der wie das Anmuthige zum Erhabenen. In der Arabeske leitet der Styl die Hand bei ihrem phantastischen Spiele zu weicheren Formen, als architektonische Regel giebt er eine strenge und abstracte Haltung. Obgleich von der Missachtung des Mittelalters zurück- gekommen, pflegen wir dennoch die Werke dieser Epoche noch immer zu sehr von dem Standpunkte antiker Kunst