476 Miniaturmalerei Wangen neben der bräunlichen oder grünlichen Schattirunlg des Fleisches durch einen derben Punkt anzudeuteln. Aber sie werden doch wieder pastoser und geben in Verbindung mit der reichlich angewendeten Vergoldung den Eindruck der Pracht und eines frischen, gesunden WVohlgefallens an kräftiger und harmonischer Färbung. In den Initialen kommt zuweilen noch die karolingische Verzierungsweise mit Bal- ken und Riemengeflechten und (lann ungeschicktei- und matter angewendet vor; mehr und Lmehr werden sie aber aus pflanzcnähnlichen Rankengewvinden mit eingemischten 'l'hiergestalten gebildet, ähnlich den Ornamenten der Kapi- täle und von kühnerem Schwunge der Linie als diese. Hier macht sich denn auch das phantastische Element, das durch jene byzantinisirende Richtung zurückgedrängt war, wieder und in viel lebendigercr Wfeise wie in den iri- schen oder karolingischen Miniaturen geltend. Verbindungen menschlicher und thierischer Theile, eigenthümliche, an- regende Stellungen und Wendungen von Schlangen, Hun- den, Vögeln sind schon jetzt gewöhnlich und unendlich variirt. Ueberhaupt regt sich die erlindende Thätigkeit nun viel kräftiger und tritt nicht selten Wirklich sinnreich und bedeutend hervor. Aber freilich hat sie noch nicht gelernt, sich der Natur zu unterwerfen, von der vielmehr die Behandlung oft auch in den auffallendsten und ohne Schwierigkeit wiederzugebenden Eigenthümlichkeiten ab- weicht. Der Erdboden ist niemals einfarbig grün oder bräunlich gehalten, sondern durch buntfarbige, blaue, grüne, rothe Klumpen, wie durch bunte Steine, repräsentirt, das Haupthaar, meist roth oder grün oder auch wohl gelb, wird in manchen Handschriften stets durch mehrere pe- rückenartig und ganz symmetrisch über einandergestcllte Lagen versinnlicht, die einzelnen Theile des Körpers er- halten, wo die Darstellung des Nackten unvermeidlich War,