Die Zwecke der Kunst. 39 allerdings auch zu Nutzanwenduirgen gebraucht werden, aber ein solcher Gebrauch ist ihrem Wesen feindlich, zer- stört gerade die innere Freiheit ihrer Eiltfaltung. Und doch brachte es die Noth der Tage und die lehrhafte Stellung der Geistlichen mit sich, dass sie nach unmittelbaren Wir- kungen strebten. Sie mussten gewissermaasseil ihre Kunst- übnng dadurch rechtfertigen, dass sie sie als nützlich be- trachteten. Das konnte in mehrfacher Weise geschehen. Der allgemeinste, künstlerischer Auffassung nächste Zweck war der unbestimmtere, durch ernste, strenge Haltung und VVürde die Beschauer feierlich zu stimmen, rohe, sinnliche Gefühle aus ihrer Brust zu verdrängen, sie zur 'l'heilnahme am Kirchendienste vorzubereiten. Dieser Zweck war ohne Zweifel auch der vorherrschende, aus ihm gingen die höch- sten Leistungen der Zeit hervor , die meisten Kunstwerke verrathen ihn. Sie dienen nur der Architektur, verstärken die Stimmung, welche diese hervorbringen sollte. Dies wird indessen nirgends von den gleichzeitigen Schriftstellern ausgesprochen; es verstand sich für feinere Gemüther von selbst, lag aber nicht in den) bewussten Zwecke der Zeit. Daher genügte es auch der grossen Zahl gemeiner Prak- tiker unter den Geistlichen noch nicht, sie wollten noch eine andere, handgreifiichere Nützlichkeit. Ihnen musste es wich- tig scheinen, die rohe, stumpfe Masse zu bewegen, den Mängeln abzuhelfen, mit denen der Beichtvater und der Lehrer täglich zu kämpfen hatte. Daher finden wir es denn häufig ausgesprochen, dass das Bild auf die Unwissen- den wirken, die Schrift bei denjenigen, die sie nicht lesen konnten, ersetzen, ihnen die heiligen Hergänge versinnlichen solle. Dieser Zweck War bei einem rohen, aber gläubigen Volke leicht erreicht, und es wird oft gerühmt, dass die Einfältigeil, welche dem Worte und der Ermahnung unzu- gänglich gewesen Waren, durch die Bilder tief, zu Thrä-