352 Plastik und Malerei. man kann sogar im Allgemeinen behaupten, dass gewisse Vorzüge der mittelalterlichen Kunst, die ich weiter unten zu schildern habe, durch den Mangel an voller Natur- wahrheit und Charakteristik bedingt waren. S0 abweichend und schwankend die Darstellung der menschlichen Gestalt in den verschiedenen Zeiten und Stylen des Mittelalters erscheint, liegt ihr doch immer eine gleiche Auffassung der Natur zum Grunde; nur freilich eine andere als die antike oder die nach antiken Vorbildern in der neueren Kunst angenommene. Wenn die Männer des Mittelalters an den antiken Kunstwerken, selbst in Italien, wo sie häufig zu Tage standen, unbe- rührt vorübergingen, so war dies nicht sowohl Stumpf- sinn oder kirchliches Vorurtheil, als die unbewusste Wir- kung ihres richtigen Gefühls. Sie strebten nach etwas Anderem. Das Mittelalter kannte, so paradox es klingt, in gewissem Sinne die Natur besser als die Alten. Diese lebten zwar körperlich und geistig im innigsten Verkehre mit ihr, verstanden alle ihre Winke, und verliehen schon ihren frühesten, unvollkommenen Werken eine Lebensfülle, welche der christlichen Kunst erst spät zu Theil wurde. Aber bei alledem ist ihre Natur nicht die wahre, sondern eine ideale, vergötterte; ihre künstlerisch-religiöse Be- geisterung ist wie eineLeidenschaft, die ihren Gegenstand zerstört und ihm fremde Züge andichtet. Das Mittelalter dagegen betrachtete die Welt mit scheuem Auge, aber hinter dieser Scheu schlummerte eine treue bescheidene, nach wahrer Erkenntniss strebende Liebe. Es Wollte die ganze wahre Natur mit allen ihren Mängeln. Noch weniger konnte sich das religiöse Gefühl mit der antiken Schönheit befreunden. Denn diese setzt die ruhige Selbstgenügsamkeit der griechischen Götter