238 Der gothische StyL Bewegung einladend. Der Geist der Strenge, der Jedem zwischen festen Mauern seine Stelle anwies, War gebro- chen, und der Chor gewann durch das vielfache von allen Seiten auf seine Mitte fallende Licht und durch die bedeutungsvollen Durchsichten Glanz und Pracht. in seine N ebenhallen an Endlich wirkte diese Vergrösserung des Chors und Kreuzschiffes auch wieder auf das Langhaus zurück. Man fand bei grösseren Kirchen die hergebrachte Zahl von drei Schiffen nicht geräumig und luftig genug, son- dern vermehrte sie auf fü n f, oder fügte den Seitenschif- fen noch eine Reihe von einzelnen Kapellen hinzu. Dadurch wurde es dann vollkommen klar, dass das Ganze nicht als ein von Aussen her, nach bestimmter Regel unabänderlich Begränztes anzusehen sei, sondern als das Product einer inneren Kraft, die sich immer weiter aus- dehnen, immer neue Ansätze hervortreiben konnte. Ehe wir zur Betrachtung des Aeussern übergehen, muss ich noch einen Blick auf dieOrnamentatLo n des Innern werfen. Es ist auch hier eine merkwürdige Veränderung vorgegangen; jener oft überladene, oft aber auch schöne Reichthum des Ornaments im romanischen Style ist verschwunden, das gedrängte Laubwerk, die phantastischen 'l'hiere, die schreckenden Larven sind ver- blannt, die Neigung zum Ueberraschenden und Wunderli- chen ist unterdrückt, alles zeigt sich geregelt, die construc- tiven Theile werden nicht mehr durch Verzierungen ver- dunkelt, die plastischen Arbeiten nicht mehr durch die architektonischen Linien beengt. Der neue Styl hat auf. geräumt, er liebt nicht das Ungewisse und Räthselhafte, sondern heitere, klare Bildungen, nicht das SOlIXVARIIkBD zwischen der Wirklichkeit und dem Gedanken, sondern