482 Römische Architektur. Eindruck einer Naturmacht, hier sehen wir menschliche Grösse; jene wirkt niederschlagend, diese anregend und befreiend. Wir fühlen uns hier auf einer höhern Stufe des geistigen Lebens. Jenen frühern Bauweisen steht die römische gegen- über Wie das Bedingte dem Unbedingten; sie enthält gewissermassen eine Mischung verschiedener früherer Tendenzen, aber sie hat eben dadurch eine, und zwar eine nicht unwürdige Eigenthümlichkeit. In neuerer Zeit bei der allgemeinen Richtung unserer Kunst auf das Ideale ist man häufig gegen die römische Architektur ungerecht; man sollte, wie billig, die griechische Kunst als die höhere und reinere ehren, ohne deshalb die praktische Bedeutung und den ästhetischen Werth, den auch diese vermittelnde Kunststufe hat, zu verkennen. Nach dem Augusteisehen Zeitalter hob sich die rö- mische Kunst nicht weiter, sie erhielt sich aber noch lange auf. dieser Höhe. Die rasende Kunstliebe Nero's konnte ihr freilich nicht günstig sein, aber wir finden auch nicht, dass sie erhebliche Nachtheile gestiftet; vielleicht trug sie dazu bei, die Neigung zu einer über- ladenen Pracht, zur Häufung der Glieder und Ornamente zu befördern. Das römische Kapitäl, das wir, wie gesagt, am Triumphbogen des Titus zuerst finden, ist schon ein Zeichen des sinkenden Geschmacks, indem es die zarte Grazie des korinthischen Blattwerks durch die schweren ionisehen Voluten aufhebt und, wenn ich so sagen darf, knickt. Dennoch war im Ganzen der Styl unter der Regierung dieses Kaisers noch ein sehr reiner. Schon jener Bogen selbst zeigt sehr reine und edle Ver- hältnisse; ausserdem haben wir aber sehr sichere Bei- spiele der Baukunst zu Titus Zeit in den Gebäuden von