Der vaticanisehe Apoll. 337 „Gebäude seiner Glieder. "Hier ist nichts Sterbliches, „n0ch was die menschliche Dürftigkeit erfordert; keine „Adern noch Sehnen erhitzen diesen Körper. Von der „Höhe seiner Genügsamkeit geht_ sein erhabener Blick, „wie ins Unendliche, weit über seinen Sieg hinaus; Ver- nachtung sitzt auf seinen Lippen, und der Uninuth blähet „sich in den Nüstern seiner Nase und tritt bis in die „stolze Stirn hinauf. Aber der Friede, welcher in einer „seligen Stille auf derselben schwebt, bleibt ungestört, „und sein Auge ist voll Süssigkeit, wie unter den Mu- „sen." S0 ergiesst sich Winkelmann in seiner begeister- ten, uns schon etwas veraltet klingenden, aber darum nicht weniger- schönen Sprache noch weiter. Er vergisst, wie er sagt, alles Andere über den Anblick dieses Wun- derwerkes und nimmt selbst einen erhabenen Stand an, um mit Würdigkeit anzuschauen, Auch diese Begeisterung können nun zwar die heu- tigen Kunstkenner nicht ganz theilen. Durch die Kennt- niss der Bildwerke vom Parthenon sind wir an eine einfachere, ruhigere Haltung gewöhnt; wir werden uns nicht verhehlen können, dass in dieser Darstellung des Gottes schon etwas Absichtliches, 'l'heatralisches, wenn auch nur in geringem Maasse, enthalten ist. Die fast über die Natur schlanken Glieder, der bedeutungsvolle Ausdruck des Kopfes, Einzelheiten, die an Fehler strei- fen und doch die Schönheit des Ganzen erhöhen, die rasche Bewegung, bei der mit grosser Kunst und Absicht alles für eine momentane Aeusserung concentrirt ist, alles dieses hat etwas Modernes und Anspruchsvolles. Wir finden darin eine Vorstellungdes Ideals, wie sie Win- kelmann selbst in dieser Stelle sehr deutlich ausspricht, wo eben nur so viel von der Materie aufgenommen ist, als u. 22