186 Zweite Periode der griech. Kunst. Gewandtheit auch der Wettgesang an, und wenn das Lied zunächst die Sieger zu besingen hat, so wendet es sich auch bald zu zartern Gegenständen. Die Gluth weiblicher Leidenschaft hatte schon die Oden der Sappho hervorgetrieben, jetzt scherzte Anakreon mit unvergleich- licher Anmuth in behaglichster Ruhe. Vor Allem aber war das Leben selbst schön. Der freieste Verkehr brachte einen WVetteifer edler Sitte unter den Städten hervor. Bei geringen Ansprüchen an Genuss und Luxus nahm die Wohlhabenheit und Zufriedenheit der Bürger zu und gab ihnen ein heilsames Selbstgefühl, durch wel- ches der republikanische Sinn sich in jugendlicher Be- scheidenheit und Mässigung ausbildete. Selbst wo noch Tyrannen herrschten, mussten sie durch Wohlthätiges, gemeinnütziges Wirken ihr Ansehen erhalten, und sie dienten daher, wenn auch aus Selbstsucht, der allgemeinen Sache Griechenlands, indem sie neben dem Strengen und Nützlichen auch das Anmuthige und Schöne förderten. Freiheit und Kraft ohne Uebermuth, Bescheidenheit und Gehorsam mit einem edlen Stolze verbunden, das sind die hervorstechenden Züge dieser Zeit. Alle jene Er- zählungen von Söhnen, die sich für ihre Mutter opfern, von Müttern, welche die Liebe für ihre Kinder der für das Vaterland nachsetzen , von dem unverbrüchlichen Gehorsam gegen das Gesetz und der Ehrfurcht für die Götter, von der Bescheidenheit der Jugend und der strengen Zucht, in welcher sie aufwuchs, sind, selbst wenn sie durch die Sage vergrössert sein sollten, Beweise der Sittenreinheit und der ernsten Begeisterung dieser Zeit. Den Höhepunkt dieser Gesinnung, oder Wenigstens den, in welchem sie am Anschauliehsten hervortritt, bilden dann jene Perserkriege, welche innerhalb dieses Zeitraums