136 Griechische Malerei. hingiebt, wird es nothweildig von dem Erfassen der Na- tur im Ganzen abgezogen und die Empfindung der N atur- einheit kann nicht in voller Stärke entstehen. In dieser Beziehung hat das Naturgefühl der Hebräer einen Vorzug; wir können es ein höheres nennen. Die Phantasie schwang sich gleichsam zum Throne Jehoveüs auf und überblickte von dieser Höhe die ganze Weite der Schöp- fung. Der Grieche dagegen lebte mitten auf der Erde , verbrüderte sich mit ihren Geschöpfen, und konnte in dieser allzugrossen Nähe das Ganze x1icht überblicken. Für die bildende Kunst war jener erhabene Schwung der Phantasie bei den Juden ein Hinderniss; der Grieche erhielt durch seine Art der Naturauffassung die hohe Befähigung für dieselbe, aber nur im plastischen Sinne, nur für das Einzelne. Bei Homer, wo die griechische Naturansicht sich mitaller Frische und Urlbefangenheit ausspricht, können wir ihre Consequenzen vollständig übersehen. Mit kind- licher Liebesfähigkeit tritt der Dichter den Geschöpfen der Natur entgegen; mit kindlicher Neugierde beobachtet er ihre feinsten Regungen, das Leben der Thiere und Pflanzen, die Bewegung des Himmels. Aber er sieht nur das Einzelne, die einzelne Gestalt, den flüchtigen Moment. Bei solchem Einzelnen verweilt er, dies malt er mit Ruhe aus und geht dann Wieder zum Faden seiner Geschichte, zum Menschlichen, über. Jene eine Natur- erscheinung erweckt in ihm nicht den Trieb, ein Bild des Ganzen zu erlangen. Das Einzelne in der Natur hat aber nur dann Werth , wenn es als eine Aeusserung des grossen Lebens der Schöpfung aufgefasst wird oder wenn die Phantasie in ihm Aehnlichkeit mit dem Geistigen entdeckt und ihm ein geistiges Leben verleiht. Daher