90 Griechische Plastik. vorzugsweise eignen, rein und ungeniischt ausgeprägt sind. Hier mögen wir denn wohl anerkennen, dass für unser modernes Gefühl beide Geschlechter nicht völlig gleich begünstigt sind, dass die weibliche Seite des olympischen Kreises weniger vollkommen ist, ja dass vielleicht eben die liebenswürdigsten und eigenthümlielr- sten Züge des weiblichen Charakters fehlen. Denn wenn auch in der Aphrodite der Liebreiz jugendlicher Anmuth, in der Hera das Selbstbewusstsein hoher weiblicher Würde , in Dcmcter endlich sogar ein nnverkennbarcr Zug mütterlicher Liebe, wiewohl nicht mit aller Wärme dieses Gefühls, ausgedrückt ist , so fehlt uns immer die Gestalt der eigenthüinlich weiblichen Zartheit und Demuth. Wir verstehen aber diesen Mangel, wenn wir uns daran erinnern, dass dieser Zug sich mit den Begriffen gött- licher Hoheit und Selbstgenügsamkeit nicht vertrug, und dass überhaupt in der griechischen Sinnesweise dem männlichen Element eine vorherrschende Stellung einge- räumt war. In der 'I'hat bietet uns dagegen die männ- liche Seite dieses Götterkreises die höchsten und (lurclr aus unübertroffenen Idealgestalteil ruhiger, besonnener Macht und Herrscherwürde, jugendlicher Vollkraft und Begeisterung, männlicher Ausdauer und Stärke dar. Be- sonders bezeichnend für die Weise, wie die griechische Phantasie in ihrer unbewussten Körperdichtung verfuhr, sind jene Gestalten, in welchen sich die Eigenthümlich- keiten beider Geschlechter vermischen. Weiche, trunkene Sinnlichkeit würde eines rein männlich gehaltenen Cha- rakters ebensosehr als einer weiblichen Göttergestalt unwürdig sein. Jene 'l'runkenheit aber als die Begeiste- rung eines Jünglings, jene Weichheit als ein Zug weib. licher Empfänglichkeit aufgefasst, verletzen unser Gefühl