38 Griechische Architektur. ten fanden, und die auch im Mittelalter vorherrscht, die Form des länglichen, sich von unten nach oben erwei- ternden Blumenkelches. Auch diese Gestalt ist an sich von rein architektonischer Bedeutung, indem sie die Ent- faltung des Runden und Senkrechten zum Quadraten und Horizontalen darstellt. Es ist der umgekehrte Weg des dorischen Kapitals. Wenn dieses kühn ausladend seine Richtung unmittelbar nach Aussen nimmt, so wendet sich jenes in leichtem Schwunge von innen heraus und giebt daher das Innere einer gebogenen Linie. Wenn das dorische Kapitäl die Gesetze der mechanischen Natur und des Widerstandes treuer ausspricht, so schliesst sich das korinthische an die organische NaQir an. Die Aus- breitung des Stammes erinnert an den Baum, die Form des Kelches an die Blume, und in dieser Reminiscenz liegt eine Nöthigung für die Phantasie, die freiere Ver- zierung, deren dieses Kapital wegen seiner Grösse und wegen seines leichtern Charakters bedarf, aus dem Pflanzen- reiche zu nehmen. Daher finden wir sowohl bei den Aegyp- tern wie im christlichen Mittelalter diese kelchformigen Kapitale gewöhnlich mit einem Blätter-schmucke ausgestat- tet, der aber freilich bei jenen eine ganz andere Gestalt als bCi (lCIl Griechen erhielt. Eine entschiedene Naoh- ahmung der Natur in einem Wesentlichen Gliede des Baues, die Umgestaltung der Säule in eine Pflanze, des Kapitals in eine Blume oder Baumkrone war dem archi- tektonichen Sinne der Griechen entgegen, der überall die Sache selbst sehen wollte. Ein müssiges Bild oder eine symbolische Beziehung würde ihr Wahrheitsgefühl ver- letzt haben. Das heitere Spiel der Phantasie aber, das nur einzelne Pflanzentheile ohne ernste Durchführung aufnahm, belebte die einfache Form und sprach selbst