391 dahingestellt sein lasse, komme ich nur auf die Be- hauptung zurück, dass man mir nicht berechtigt zu sein, nicht einmal Grund zu haben scheint, von der im Mittel- alter herrschenden Bedeutung der Sirenen in diesem Fall abzugehn und zu einer entgegengesetzten überzugehn. Auch an Kirchenstühlen sind die Sirenen, zumal in späterer Zeit gebildet. Eine Sirene, die mit der Linken ihren Schwanz, mit der Rechten einen Spiegel hält, ein Bild der Eitelkeit, findet sich in der Bogenfüllung der Rückwand eines der Chorstühle in der Kathedrale zu Poitiers 1) aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahr- hunderts. Mehr Beispiele bietet das funfzehnte Jahr- hundert dar. An den Stühlen der Kathedrale zu Reuen um 1467 erscheint dreimal eine Sirene 2), hier aus mensch- licher und Vogelgestalt zusammengesetzt, und zwar nicht bloss mit den Beinen und dem Schwanz (einmal mit dem Schweif eines Hahns), sondern auch mit dem Leib eines Vogels: einmal zeigt sie ein Herz, das sie in der Hand hält, eine andere spielt die Harfe, eine dritte hält einen Schild (der Gegenstand in der andern Hand ist abge- brechen). Deutlich lässt sich die Sirene als Bild der Versuchung erkennen an dem bischöflichen Stuhl zu Dais 3) aus dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts, an welchem die Krönung der Maria vorgestellt ist, die h. Jungfrau auf der Mondsichel stehend zwischen musicirenden Engeln: unter ihr von Engeln bekämpft und hinabgestessen zwei Teufel und zwischen diesen ein nacktes Weib, das in einem Fischleib endigt, mit einem Apfel in der Hand, 153. eine 1) Lassus bei Didron, Anna]. archdol. Vol. II. p. 50. 2) Langlois Stalles de la cuthödr. de Rauen p. 148. 151. Pl. IX, 56. X, 64. XI, 68. Der Verf. nennt, die Figur Chimära. 3) du Sommerard Les arts du moyen äge, Album, Sör, Pl. XXVI.