249 sieht dort unter zwei gothischen Giebeln mit rundbogigen Füllungen einen Jüngling neben seinem Fräulein sitzen: er scheint im Gespräch mit ihr oder ein Minnelied ihr vorzutragen; sie aber windet aus den Blumen in ihrem Schooss einen Kranz, der ihm zum Lohne bestimmt sein wird. Ueber ihnen zwischen den beiden Giebeln erscheint auf einem Thron ein gekröntes und geflügeltes Frauen- bild, in jeder Hand mit einem Pfeil, womit sie auf den Jüngling und das Fräulein zielt, das ist Frau Minne. Zu beiden Seiten zwei geflügelte Figuren, die eine mit der Handorgel, die andere mit der Laute. Dies Bild- Werk ist abgesehen von der feinen und zarten Ausführung zwiefach bemerkenswerth. Denn es folgt hier die bildende Kunst, die früher in der kirchlichen Sphäre ausschliess- lieh sich bewegt, der Richtung, welche die Poesie ge- nommen hatte, und welche neben der Kirche das ganze Zeitalter beherrscht, indem sie eine Scene ritterlichen Frauendienstes behandelt. Zugleich zeigt sich ein mytho- logisches Motiv in der Darstellung der Minne. Zwar wurden auch sonst vermöge eines eigenthümliehen Bil- dungstriebes der christlichen Kunst Eigenschaften und Zustände als allegorische Wesen in weiblicher Gestalt gebildet, wie die Cardinaltugenden, die Freiheit, Ein- tracht, Freundschaft u. a. (wovon im folgenden Bande näher die Rede sein wird; vergl. auch den Schluss dieses Bandes). Frau Minne jedoch ist noch etwas mehr als eine blosse Personilieation; ihr wird bestimmtere Existenz geliehen. K. Kunstkammer S. 40. n. 71. Abgebildet bei von der Hage n Ueher die Gemälde in den Samml. der altdeulschen lyr. Dichter, Philol. und histor. Abhdl. der K. Akad. der Wiss. zu Berlin, Jahrg. 1842. S. 441. Taf. I. lig. 1.