192 das Heidenthum noch eine Macht in den Gemüthern war und an jene Gottheiten noch geglaubt wurde, in der Kirche also man um so mehr Ursache hatte, dagegen sich abzuschliessen, muss es auffallen, dass dergleichen mythologische Scenen in einem christlichen Hause konnten Aufnahme finden und einer christlichen Frau zugemuthet wurde, an ihrer Beschauung sich zu ergötzen. Denn es will mehr sagen, wenn solche Scenen in einem Werke der bildenden Kunst zur Darstellung kamen, als wenn die mythologische Reminiscenz in einer poetischen Rede flüchtig vorgeführt wurde und die Allegorie nur zur Einfassung dient, um das Lob eines jungen Ehepaars zu heben. Unter diesen Umständen könnte ein Zweifel will- kommen sein, -der wider die Aechtheit des Kunstwerks erhoben ist, oder vielmehr die Verwerfung desselben als eine „elende neue Betrügerei", wofür Marini in einem Briefe an Morcelli in Venedig es soll erklärt haben. Dies Urtheil MarinPs aber kennt man nur durch die Aussage v. Köhlefs 1), der sich auch nur auf die Versicherung Morcellfs beruft und dasselbe verbringt, um seine schnöde Auslassung gegen Visconti (in Bezug auf dessen Erklärung dieser und anderer Denkmäler) zu unterstützen, un- geachtet er späterhin gesteht 2), die Abhandlung Viscontfs noch gar nicht gelesen zu haben. Aber auch Böttiger 3) scheint jenem Verwerfungsurtlxeil beizupflichten. Allein während die Auctoritat Marinfs, die auf epigraphischem Gebiet anerkannt ist, in diesen Dingen dahingestellt bleiben mag, kann sein Urtheil wenig in Betracht kommen, so 1) In Böttigefs Amalthea I. S. 301. 2) In einem Br. an Böttiger vom 25. Febr. S. XVI. 3) Büttiger Amalthea II. S. XV. f. 1821. Ebendas.