372 von geistreichster Erfindung und reizvoller Vollendung der Formen hat auch ein Werk der jüngsten Zeit sich zu erfreuen, die vier Tageszeiten in Gestalt {liegender Genien in Bundreliefs 1) von Rietschel in Dresden, die auf der berliner Kunstausstellung von 1850 zu sehen waren i). Auf diese Vorstellungen moderner Zeit, worin antike Motive selbständig erneuert werden, ist um so mehr zu achten, da zu derselben Zeit die Kunst in entgegen- gesetzter Bichtung zu höchster Vollendung gelangt. Es ist das 17. Jahrhundert die Blüthezeit der Landschafts- malerei, welche, ohne die Personilication zu Hülfe zu nehmen, die Bilder aus der Natur in ursprünglicher Wahr- heit so zu beseelen wusste, dass sie mit einer Stimmung ansprechen, wie Geist und Herz aus eines- Menschen Antlitz spricht. Und gerade in Darstellung der Tages- zeiten zeigt sich dies, wie in den Gemälden des Morgens und Abends von Claude Lorrain, deren früher gedacht ist 3). Dieser Eindruck ist ein Widerschein der Macht, welche die Natur selbst über den Menschen ausübt. Darin aber hat es seinen Grund, dass die erhöhte Stimmung so gern auch menschliche Gestalt und Thätigkeit der Naturerscheinung leiht, ohne dass dafür der alte Mythus 1) Der Morgen, mit llatternden Locken, die Fackel in der Hand, verscheucht mit seinem Fuss die Eule der Nacht, während zur andern Seite eine Lerche aufüiegt; der Tag, von Schmetter- lingen umflattert, streut Blüthenkränze hernieder; der Abend lässt die Fackel des Tages sinken und schliesst die Augen; die Nacht in ihr weites Gewand gehüllt, mit Mohnstengeln in der Hand, ist in süssen Schlummer versunken. 9) Eggers im Deutschen Knnstbl. 1850. N0. 25. S. 195. Fischer in d. Vossischen Zeitung 1850. 31. Mai. I. Beil. a) Oben S. 40. Von demselben ist eine Morgen- und Abendland- schaft, beide mit Hagar und lsmael stafiirt, in der Pinakothek zu München n. 413. 418.