398 Bildhauer. die auch mit der Anmuth sehr wohl zu vereinbarende, hier noch besonders durch den architektonischen Zweck gebotene Strenge und Präcision ein. ES fehlt darum diesem Werke ein bestimmt ausgeprägter Charakter und damit das höhere künstlerische Verdienst, wenn es auch, indem es sich in der allgemeinen Anlage den Mustern der besseren Zeit anschliesst, den Zwecken einer gefälligen Decoration noch vollständig genügt. Ueber die stylistischen Eigenthümlichkeiten der Ausführung in den Reliefsdes Salpion, Kleomenes und Sosibios geben die Erklärer, indem sie mehr den mythologischen Inhalt der Darstellung ins Auge fassen, keine oder Wenigstens für unsere Zwecke nicht genügende Rechenschaft; und bei dem Mangel eigener Anschauung vermag ich diese Lücke nicht auszufüllen. Mehrere andere Monumente, welche wenigstens in der äusseren Form ihnen nahe ver- wandt scheinen und sicherlich einer ähnlichen Kunstrichtung angehören, zeichnen sich vor der Masse selbst guter römischer Reliefs vortheilhaft aus, sowohl durch die Reinheit der Anlage als durch die anspruchslose Tüchtigkeit der Ausfüh- rung. Aber selbst die Besten unter ihnen können sich doch mit den Werken der älteren athenischen Kunst weder in der Frische und dem feinen Gefühle der Modellirung, noch in der strengen Wahrung des Reliefstyls messen, und verrathen schon in der ganzen Behandlung, dass hier der Zweck einer anmu- thigen und gefälligen Decorirung zu überwiegen beginnt. 570 Aus allen diesen einzelnen Bemerkungen wird sich jetzt ein allgemeines Resultat leicht ziehen lassen: es gilt von dem formellen Theile der Kunstübung dieser späteren Attiker dasselbe, was wir über ihr poetisch-künstlerisches Schaffen bemerkt haben. Sie befinden sich durchaus in Abhängigkeit von den Leistungen der früheren Zeit; und die ausgezeichnetsten unter ihnen sind noch gerade die- jenigen, welche sich dieser Abhängigkeit klar bewusst geworden sind und frei- willig darauf verzichtet haben, sich derselben zu entziehen. YVas sie geleistet haben, darf immer als eine vortreffliche Nachblüthe der schönsten Epoche atti- scher Kunst gelten; und zu einer Zeit, als die Werke der letzteren noch nicht bekannt waren, konnte sie mit vollem Rechte als ein Ersatz betrachtet werden, um das Wesen der attischen Kunst wenigstens nach seinen Grundprincipien und in seinen bauptsächlichsten Vorzügen kennen zu lernen. Die Anstrengungen Einzelner, ihren Werken ein selbständigeres Verdienst zu verleihen, scheinen auf die allgemeine Richtung dieser attischen Kunstschule ohne wesentlichen Einfluss geblieben zu sein, ja haben nicht einmal in den einzelnen Fällen den Erfolg gehabt, etwas eigentlich Neues und Eigenthümliches ans Licht zu fördern. Sie gehen vielmehr nur darauf aus, in bestimmten schon vorhandenen Rich- tungen die Leistungen der Früheren zu überbieten, das Zarte zarter, das Kräftige kräftiger zu bilden, in der Durchführung allen Einzelnheiten dieselbe Sorgfalt zu widmen u. s. w. Aber gerade diese Versuche zeigen häuiig, wie nach und nach das feinere Gefühl immer mehr schwindet und eine rein äusserliche und materielle Auffassung um sich greift. Im zweiten Jahrhundert n. Ch. verlieren wir jede Spur dieser Schule. Es ist möglich, dass sie noch länger ihr Dasein gefristet hat; aber bei dem allgemeinen Verfall kann auch ihr Loos, selbst wenn sie sich vor barocken Ausschweifungen bewahrte, doch nur ein stets wachsendes Siechthum und endlich gänzliche Verflachung gewesen sein.