griechische ihrer Kunst in höchsten geistigen Entwickelung. 217 ein rein geistiger Begriff, oder ein aus dem Leben aufgenommener Moment einer Handlung. Die Argiver dagegen verfolgten vorzugsweise nur ein einziges Ideal, das Ideal der körperlichen Vollkommenheit, der schönen Form. Während daher bei den Attikern poetische Begeisterung und Phantasie als notlnvendig" vorausgesetzt werden müssen, um die ldee klar im Geiste anzuschauen und eben so klar aus dem Geiste wieder zur Darstellung zu bringen, beruhten die Vorzüge der argivischen Schule auf einem gründlichen Studium, auf dem künst- lerischen Wissen, welches auch in den Mängeln der wirklichen Erscheinungen die Regel, das Gesetz der vollkommenen Bildung zu erkennen, und dadurch den darzustellenden Gestalten den Reiz einer höheren Wahrheit zu verleihen vermag. Die inneren Ursachen des angegebenen Entwickelungsganges, so wie der strengen Scheidung der verschiedenen Schulen, möchte schwerlich jetzt jemand zu bestimmen wagen, namentlich so lange wir über die vorhergehende Periode nicht genauer unterrichtet sind. Den wesentlichsten Einfluss müssen wir immer den geistigen Eigenthümlichkeiten der Begründer dieser Schulen zuerkennen. Aber selbst wenn durch sie der Anstoss gegeben war, so durfte doch zu eine? naturgemässen Entwickelung auch eine günstige Gestaltung der äusseren Um- stünde nicht fehlen. Nehmen wir z. B. an, Phidias sei in einem kleinen, von Hülfsmitteln entblössten Staate aufgetreten, würde sich wohl sein Geist in seiner ganzen Gewaltigkeit haben entwickeln können? In Athen dagegen war, als er zu wirken begann, die Kunst zu einer Staatssache geworden. Für die gross- artigsten Schöpfungen fand er die Mittel bereit; ja die gebotenen Mittel mussten den Künstler zu grossartigen Schöpfungen sogar anfeuern. War hier der Er- folg ein glänzender, so kann es nicht auffallen, dass man anderwärts, wo man nach einer Verherrlichung der religiösen Heiligthünier durch die Kunst strebte, sich dorthin wendete, wo man die Aufgabe schon gelöst sah. So wandert die attische Kunst nach Olympia, ein anderer Zweig nach Delphi. Solches Glück 310 ward der Kunst von Argos nur ausnahmsweise zu Theil. Nur einmal schmückt Polyklet einen Tempel, den der Hera, mit einem kostbaren Bilde aus Gold und Elfenbein; und wenn auch die übrigen Sculpturen dieses Tempels, wie die am Giebel und an den Metopen, zur gleichen Zeit entstanden, und einheimische Künstler daran beschäftigt gewesen sein mögen, so bleibt dieses eine vereinzelte Anstrengung, die der Staat Argos auf eine zufällige Veranlassung hin, den Brand des alten Tempels, machte. Sonst ist die Thätigkeit der Künstler von Argos fast immer Privatsache: es handelt sich um einzelne Bilder olympischer Sieger, um einzelne Götterbilder für unbedeutendere Staaten oder Städte. Ja selbst wo diesen Ktinstlern umfangreichere Aufgaben geboten wurden, zer- splittern sich dieselben ins Kleine. Einem Phidias z. B. wird die Gruppe von dreizehn Erzfiguren, das XVeihgeschenk wegen des marathonischen Sieges, einem Lykios eine andere der Apolloniaten von gleicher Figurenzahl allein und aus- schliesslich übertragen. An den neun Figuren des tegeatischen Denkmals da- gegen sind vier Künstler beschäftigt. Bei der Hauptgruppe des Weihgeschenkes von Aegospotamoi von eben so vielen Figuren ist die Arbeit unter fünf Künstler vertheilt; die zahlreichen Statuen der Bundesgenossen aber scheinen kaum eine geschlossene Gomposition gebildet zu haben, sondern einfache Ehrenstatuen ge-