Die Kunst in griechische ihrer geistigen Entwickelung. 30h sten 163 liefern. Wir haben dies versucht, und es will uns bedünken, dass kaum bei einem andern griechischen Künstler die überlieferten Nachrichten sich so ent- schieden wie bei Polyklet, zu einem klaren, scharf abgegrenzten Bilde abrunden, in dem selbst die Mängel sich mit den Vorzügen so innig verflechten, dass es dadurch nur an lebensvoller Individualität gewinnt. Entspricht aber dieses Bild dem hohen Begriffe, welchen das Alterthuni in der That von Polyklet hegte? Erscheint es wirklich bedeutend genug, um Polyklet dem Phidias als ebenbürtig an die Seite zu stellen? Wir nehmen keinen An- stand, diese Fragen zu bejahen, sofern wir weniger die beiden Persönlichkeiten für sich, als ihren Einfluss auf die fernere Entwickelung der griechischen Kunst ins Auge fassen. Dass der Geist des Phidias gewaltiger, seine Schöpfungen erhabener waren, ist schon früher zugestanden worden. Aber leugnen dürfen wir nicht, dass es leichter ist, den Phidias zu bewundern, als ihn nachahmen zu wollen, ja sogar, dass es für einen minder gewaltigen Geist gefährlich sein konnte, sich den Phidias vorzugsweise als Muster der Nachahmung vorzusetzen: denn eine hohe Genialität lässt sich nie erlernen. Lasst sich auch der Ver- gleich in allem Uebrigen nicht durchführen, so erinnere ich doch, dass das Bei- spiel des Michelangelo durch falsche Nachahmung der Kunst sogar verderblich geworden ist. Blicken wir bei dieser Gelegenheit auch auf den dritten der Mitschüler, welche Ageladas zum Lehrer hatten, auf Myron. Er kann recht wohl mit Phidias verglichen werden, indem seine lebensvollen Gebilde nicht blos aus scharfer Beobachtung, sondern noch vielmehr aus der lebendigsten Phantasie, aus dem freiesten poetisch-künstlerischen Schöpfungsverrnögen entsprungen waren. Darf aber ein Künstler, welcher mit dieser Gabe der Natur weniger reich ausgestattet ist, es wagen, den Diskobol, den Ladas, sich ausschliesslich als Muster vorzusetzen, ohne in Gefahr zu kommen, die natürliche Lebendig- keit in Uebertreibungen zu suchen? So erscheint nun Polyklet zwischen seinen blitschülern in seiner vollsten und höchsten Bedeutung. Durch ihn hat der Spruch des Kleobulos, närgov digtorov, auch auf die Kunst den grössten Ein- fluss gewonnen. Gleich entfernt von übergewaltiger Kraft, wie von weichlicher 233 Anmuth, ernst und ruhig bedacht auf alles, was die wahre Schönheit begründet, ist er das eigentliche Vorbild des sich bildenden Künstlers, und es liegt eine tiefe YVahrheit in dem Ausspruche: er allein habe die Kunst in einem Kunst- werke dargestellt. Wie er es zuerst unternommen, die Regeln der Kunst schrift- lich zu lehren, so blieb er auch lange nicht der Lehrer einzelner Künstler, son- dern der gesammten Kunst. Mochten auch später bedeutende Künstler, wie Lysipp, seine Regeln vielfältig modificiren, so hatte er doch allen Auschweifungen und willkürlichen Satzungen auf lange Zeit jeden weitergreifenden Einfluss ab- geschnitten, und es ist gewiss zum grossen Theil sein Verdienst, wenn Sich die griechische Kunst so lange in strenger Reinheit erhielt, und selbst da nicht, als- sie sich bereits weit von der des Polyklet entfernt hatte, in den Ungeschmack verlor, welcher in der neueren Zeit selbst bedeutende Talente, wie z. B. Bernini, für die wahre Kunst verloren gehen liess.