Ausweitung und Streben lach freie; ltwickelung, von O1. 105 treten aus dieser Klasse der Läiufer Ladas und der Diskobol hervor. Endlich ist das Alterthum voll von Bewunderung über die Thiere des Myron: Plinius findet einen Hund einer namentlichen Erwähnting' würdig, Properz preist die vier Stiere in Rom; gleichsam das Symbol seines Ruhmes aber war die Kuh. Auf Athleten und Thierbildungen müssen wir also bei der Beurtheilung" des Künstlers unser Hauptaugenmerk richten. Aber auch Pythagoras war berühmt durch seine Athleteniiguren, so dass er sogar den Myron durch eine derselben übertroffen haben soll. Kalamis glänzte wenigstens in der Bildung eines Thieres, des Pferdes. Fand sich also vielleicht in der Person des Myron das Verdienst seiner beiden Zeitgenossen vereinigt? Eine genauere Prüfung der Nachrichten über einzelne Werke, in Verbindung mit den Urtheilen öber seine Richtung im Allgemeinen, wird uns zeigen, dass wir es bei Myron mit einer neuen, Wesentlich verschiedenen Individualität zu thun haben, die, von andern Grundanschauungen ausgehend, auch zu andern Resultaten gelangen musste. Sechsunddreissig Epigrarnme sind uns erhalten, Welche sämmtlich die Verherrlichung der myronischen Kuh zur Aufgabe haben. Ueber die Stellung und die Bewegung erfahren wir freilich durch dieselben so gut wie nichts. Aber alle ,.preisen durchaus an ihr Wahrheit und Natürlichkeit, und wissen die mögliche Verwechselung; mit der Wirklichkeit nicht genug hervorzuheben. 148 Ein Löwe will die Kuh zerreissen, ein Stier sie bespringen, ein Kalb an ihr Saugen, die übrige Heerde schliesst sich an sie an, der Hirt wirft einen Stein nach ihr, um sie von der Stelle zu bewegen, er schlägt nach ihr, er peitscht Sie, er tutet sie an; der Ackersmann bringt Kummet und Pflug sie einzuspannen, ein Dieb will sie stehlen, eine Bremse setzt sich auf ihr Fell, ja Myron selbst verwechselt sie mit den übrigen Thieren seiner Heerde" (Goethe). Namentlich wiederholt sich zur Bezeichnung des höchsten Lebens mehrmals der Ausdruck äymrovv, lebensvoll: das Werk schien athmen zu können. In ähnlicher Weise nennt Properz die Stiere auf dem Palatin vivida signa. Lesen wir weiter das Epigramm auf die Statue des Ladas, so heisst es wiederum: äynvoe Aotöa; ihm soll der Rest des Odems gleichsam nur noch auf den äussersten Lippen sitzen, und gerade, wie von der Kuh befürchtet wird, sie werde entlaufen, wenn sie nicht an der Basis befestigt wäre, so schien es, als wolle Ladas von der Basis herabspringen, um den Siegeskranz zu empfangen. Ein ganz ähnliches Gefühl aber haben wir selbst, wenn wir nur eine gute Wiederholung des Diskobolos anschauen: wir glauben den Moment erleben zu müssen, wenn er vorspringt, und der Diskos, wie der Pfeil von der Sehne des Bogens, seinem Ziele zufliegt. Hiernach müssen wir als das vorzüglichste Kennzeichen myronischer Kunst die lebensvollste Naturwahrheit betrachten. Während nun aber von seinem Nebenbuhler Pythagoras gerühmt wird, dass dieser Nerven, Adern und das Haar feiner ausgebildet habe, wodurch doch natürlich eine möglichst getreue Nachahmung der Natur luezweckt wird, be- riclitet Plinius 1) von Myron gerade im Gegentheil: er habe das Haar an Haupt und Schaam nicht vollendeter gebildet, als es im roheren Alterthum hergebracht gewesen sei; ferner, nur bedacht auf den Körper, habe er den geistigen Aus-