334 Paul Peter Rubens: Der Meister und seine Kunst. der Medici-Gallerie zu Paris der Fall war. Athmen diese Werke nun wohl noch im hohen Grade den eigenen Geist des Meisters, so finden sich doch auch von nun an nicht wenige, deren Ausführung, im Vergleich zu den Entwürfen, nur mittel- mässig und fremdartig erscheint. Man mag aus diesen That- sachen eine Anklage gegen Rubens erheben, doch wird derjenige, der die Verhältnisse und Umstände sachlich und gerecht be- urtheilt, derselben ein besonderes Gewicht nicht beilegen können. Im Gegentheil wird er nur um so nachdrücklicher die Forderung erheben, dass nur die eigenhändigen Entwürfe und Gemälde von Rubens zu dessen künstlerischer Schätzung und Würdigung herangezogen werden. Der Unterschied und Abstand ist nicht selten sehr gross. Wem könnte es z. B. entgehen, dass das Kolossalgemälde der „Kreuztragung" von 1634 im Museum zu Brüssel (N0. 285.) starke Aeusserlichkeiten, besonders auch im Christus selbst enthält, im Vergleich zu der geistreichen und meisterhaft gemalten Skizze dieses Bildes im Museum zu Amsterdam (N0. 483)? Wer sähe nicht den Abstand von dem Entwürfe des njüngsten Gerichtes" in Dresden zu der grossen Ausführung in München! Wer auch würde nicht bemerken, dass bei der „Trauer um den Leichnam Christi" in Brüssel, (N0. 288) alle Kunst, alle Emphndung auf dem todten Körper vereinigt zu sein scheint, dass die übrigen Figuren aber hiergegen erheblich zurückstehen! Bei einem solchen Durcheinander eigener und fremder, und oft sehr verschiedenartig fremder Arbeit in zahlreichen Gemälden ist natürlich die kritische Behandlung der unter Rubens Namen gehenden Werke eine ungemein schwierige Aufgabe, die nur immer annäherungsweise wird gelöst werden können, weil der Angelpunkt des Urtheils hier nicht in festen und klaren Grundsätzen sondern in der Feinheit des Auges, also in einer persönlichen Eigenschaft liegt, über welche immer Meinungsverschiedenheiten herrschen werden. Diese umfängliche Zuhülfenahme fremder Kräfte ermög- lichte denn auch ein sehr schnelles Arbeiten, und ich zweifle nicht an der Ueberlieferung, dass die "Anbetung der Könige" vom Jahre 1624, die jetzt im Museum zu Antwerpen (N0. 298) sich befindet und die 4,47 g hoch und 2,35 n) breit