330 Drittes Buch. endlich die Kreuzigung, Alles in einem trocknen und dürren Style, der wieder auf byzantinischen Einflüssen beruht. S0 vermag sich Italien während dieser ganzen Epoche von längst verbrauchten 'l'ypen nicht völlig zu befreien und schwankt selbst bei bedeutend gesteigertem Kunstbetricbc fortwährend zwischen Rohheit und Starrheit. Selbst die einzelnen Regun- gen eines frischeren Sinnes bleiben für's Erste ohne jeden nachhaltigen Erfolg. DRITTES KAPITEL. Nordische Bildnerei der frühgothischen Epoche. Von 1200 1300. Schon gegen Ende des zwölften Jahrhunderts liess sich im gcsammten Leben der abendländischen Völker der Beginn eines neuen ziufsclnvungcs bemerken. Das zu Ende gehende Zeitalter der Kreuzzüge hatte den Zu- stand der Nationen wie der Einzelnen durchgrcifend verändert. Der Kreis der Anschauungen war erweitert, man hatte mit den Eigenheiten fremder Volkscharaktere sich vertraut gemacht, von der Weltklugheit der Orien- talen gelernt, überhaupt die Fähigkeit für cineschä1'fe.re Auffassung von Natur- und Menschenleben bedeutend ausgebildet. Neben den Zügcn der Kreuzhcere, in (lenen das Rittertlnun seine ideale Prebezeit bestand, hatte der Handel seine eigenen Wege gefunden, und mit dem Aufschumige desselben ging die Entwicklung eines mächtigen Bürgerthumes, das nach Idreiheit und Unabhängigkeit strebte, Hand in Hand. Bis dahin waren die abendländischen Völker Kindern zu vergleichen, welche in strenger klösterlicher Zucht gehalten, sich bald schüchtern fügen, bald in unbän- digem Trotz die Schranken überspringen; bald in angelernten Künsten und Wissenschaften sich unselbständig bewegen, bald in tinbcholfenen Wendungen des unausgebildeten eigenen Naturgefühles sich zu äusscrn versuchen. Aber die Zeit der grossen Völkerbevvegungell in den Kreuz- zügen hatte die bis dahin Unmündigen rasch gereift, und mit dem Beginn des dreizehnten Jahrhunderts bricht nun, wie über Nacht der Lenz er- scheint, niit einem Male glänzend, in tausendfaehen jungen Trieben hervcr, was im Verborgenen herangereift war: nach langer starrer NVintei-nacht der Völkerfrühling der abendländischen Nationen.