Erstes Kapitel. Die griechische Plastik. Ursprung und Wesen. 73 Volke imponiren mussten, so werden bei den Griechen die Götter zu idealen Ilertretern höchster menschlicher Eigenschaften, und das freie Volk schafft in ihnen sich die leuchtenden Vorbilder alles Dessen, was ihm selbst als schön und gut erscheint. Kam in Aegypten, Assyrien, Persien die Bildnerei über das Ciebiet einer genrehaften oder chronik- artigen, also durchaus ausserliehen, trocknen Geschiehts(larstellung nicht hinaus, so wird erst bei den Griechen die Plastik zur hohen Idealkunst. Unter den Orientalen zeigten allein die mit den Griechen stammver- wandten Inder jenen, allen indogermanisehen Völkern vielleicht vom Urbeginn eingepflanzten Idealsinn: allein bei ihnen artet die Götter- gestalt in wilde phantastische Missbildung aus, weil auch ihnen die Frei- heit des sittlichen Lebens und damit die Klarheit der plastischen An- sehauung mangelt. Aber noch in anderen, nicht minder wesentlichen Punkten erscheint die griechische Kunst der orientalischen entgegengesetzt: in ihrer Be- Ziehung zur Natur. Der Orientale steht der Natur nicht frei und selbst- bewusst gegenüber, sondern er ist von ihren Fesseln umstriekt, mag er von ihrer tropischen Ueppigkeit erdrückt oder von ihren übergewaltigen Lebensbedingungen, wie Aegypten vom Nil, in seiner ganzen Existenz abhängig sein. Daher in den bildnerischen Werken des Orients niemals eine völlig freie, vollendet edle hIe-nschengestalt; vielmehr Herrscher und Sklaven allesammt in derselben befangenen, unlebemligen Art der Er- scheinung, die eine innere Gebundenheit verrath; daher nur die Thicr- Welt, in welcher von geistiger Freiheit oder Unfreiheit nicht die Rede sein kann, in völliger Lebenswahrheit aufgefasst. Erst der Grieche, vom Banne der Natur frei geworden, vermag dieselbe in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen, vermag die menschliche Gestalt in ihrer natürlichen SUllÖlÜlGllI und in geistiger Freiheit hinzustellen. In ihrem Inhalt ganz ideal, beruht daher die griechische Plastik in ihrer Formgebung auf der Grundlage des Naturalismus. Weil aber der Inhalt auf die Form mächtig zurüekwirkt, ist dieser Naturalismus von einer Grösse und lloheit des Sinnes getragen, die ihn niemals in's Kleine oder gar Niedrige ausarten lasst. Verhiiltn zu r Nah Gast: Gi Da. die griechische Plastik vom Götterbilde ausgeht, so sucht sie in. fortschreitender Entwicklung für diese höchsten Gestalten auch die höchsten Anschauungen des Schönen und TVürdigen zu verwerthen. W ehl schafft sie in ihren Göttern eine Reihe von Charakteren; aber diese wollen nicht mit dem Maassstabe des menschlich (iewöhn- liehen, individuell Zufälligen gemessen werden. Sie erheben sich viel- mehr zu idealen Typen, in denen bestimmte Seiten (les menschliche-l]