256 DÄNEMARK Bodens. Der Reiz dieser dänischen Natur besteht nicht in pracht- vollen Farben und grossen Conturen. Alle Linien sind sanft ge- bogen, Weich in jeder Form, ohne grosse Abwechslungen oder Ueber- raschungen. Selbst in den schönen Waldungen rings um Kopen- hagen runden sich die riesigen Buchen so harmonisch, dass sie eher die Empfindung der Sanftheit als der Kraft geben. Die Natur entspricht gewissermassen der dänischen Sprache, die ebenso mild, discret, fein und schwunglos ist, wie die Linien des Landes. Der Däne kennt kein breites Lachen, sondern nur ein Lächeln, keine urwüchsige Ausgelassenheit, nur ein Stillvergnügtsein. jedes laute Gebahren gilt als unfein. In dem grossen Vergnügungsgarten von Tivoli bewegen Tausende von Menschen sich mit einem Anstand und einer Stille, die fast etwas Unheimliches hat. Niemand ruft; wer mit seinem Nachbar spricht, flüstert unhörbar. Auf der Strasse, den öffentlichen Promenaden, den Restaurants überall wird nur im Flüsterton gesprochen. Auch die dänische Landschaft kann nur flüstern, nicht schreien; nur lächeln, nicht lachen. Sie kennt nichts Brutales, nichts Abgerissenes, nichts zu Grosses, keine brüsken Ueber- gänge, keine plötzlichen Unterbrechungen sondern nur weite Flächen mit unbestimmten, verschwimmendeii, fast ungreifbaren Linien, sanftes, welliges Gelände, das unmerklich am Ufer des Meeres aufhört oder in sanften Senkungen sich um stille Waldseen windet. Es gibt, ausscr in jütland, keine eigentlich herben, rauh urwüchsigen Gegenden, aber Alles ist abgelegen, einsam und ruhig. Zuweilen sieht man ein niedriges, weiss angestrichenes Häuschen, dessen Strohdach im Sonnenschein glänzt oder in der Dämmerung zart bläulich Himmert. Die Atmosphäre, in Holland feucht und neblich, ist in Dänemark von einer kühlen Frische, die Vegetation, dort fett und üppig, hier von einem weichen, gedämpften, ein wenig bleich- süchtigen Grün. Selbst der Sonnenaufgang und Sonnenuntergang hat nichts Eifektvolles, Pathetisches wie in Norwegen, sondern etwas Unentschiedenes, Beruhigendes, Mysteriöses. Der Künstler, den eine solche Natur umgibt, wird leicht nachdenklich und träumerisch wie sie, seine Bilder bekommen denselben leicht rhythmischen, gedämpften Charakter. Und thatsächlich geht durch die Mehrzahl der dänischen Landschaften ein Hauch jener sanften Melancholie, die an Cazin ge- mahnt. Das ist nicht Reminiscenz und nicht Plagiat, sondern die natürliche Verwandtschaft mit dem Maler, der in Frankreich am" besten den Charakter der nordischen Ebenen malte, ihre feuchte