277 ab, inwieweit die Fantasie in die wesentlich wahre Natur der Darstellung eindringt, und wie völlig sie alle Ketten und Fesseln rein äußerlicher Natur ver- achtet, die dem, was sie suggerieren will, hinderlich sind. In Tintorettos ,Taufe' schneidet sie die Baum- stämme ab als wären es Wolken oder Nebel, um dem Gedanken die Reihenfolge der Scene vorzufiihren. In seinem ,Kindermord' gießt sie geisterhaftes Licht auf den Marmorboden, um Schrecken in dem Beschauer zu erregen, ohne sich zur Metzelei zu erniedrigen. Es ist ihr verächtlich die rohe Tatsache darzustellen, und sie begnügt sich dabei, ihre furchtbare Emplin- dung hervorzurufen. Sie stellt uns immer dem wirk- lichen Vorgang gegenüber, Aug in Auge; zugleich aber macht sie uns eine übernatürliche Stimme vernehmbar. Was in der Vision zweifelhaft erscheint, gewinnt Stärke, Spannkraft und Sicherheit durch die darin der Wirk- lichkeit entnommenen Tatsachen . . . Michelangelo hielt dafür, dass die Fantasie im Steine völlig zum Ausdruck komme und ihrer Natur nach unabhängig von den Hilfsmitteln der Farbe und des Schattens sei, durch welche Tintoretto sie so wirkungs- voll macht. Die Fantasie kann im Marmor so tief, durchschauernd und feierlich gegenwärtig sein, wie in der Malerei, und der Bildhauer erweckt aus dem Gestein die Seele, die seine Gestalten bewegt. Wie nichtig wirkt Canovas gewundene Grazie und sein Ballsaalempfinden der intensiven Wahrheit, Zart- heit und Kraft solcher Männer gegenüber wie Mino