220 sie muss ungerecht sein; noch Furcht, denn sie über- treibt alle Dinge; noch List und Betrug, denn der Unwahrhaftigkeit, der wir uns erst bewusst schul- dig gemacht, verfallen wir bald unbewusst. Ge- recht urteilt allein Selbstbeherrschung, wandelloses Vertrauen, tiefblickende Liebe und ein Glaube, der, da er höher ist als alle Vernunft, am geeignetsten ist, von seinem hohen Sitz herab ihre Zügel zu lenken. Wer volle Entwicklung des intellektuellen Typus für möglich hält, ohne nach tieferen Quellen der Schön- heit auszuschauen, verfällt damit gröblichem Irrtum. Obwohl moralisches Empfinden die Verstandeskräfte erhebt, nimmt es in dieser Verbindung leicht zu brei- ten Raum ein, und überschattet alles andere. Damit ist die gleichzeitige Wirkung beider gewissermaßen ausgeschlossen. Gelegentlich tritt auch die mora- lische Kraft in voll entwickelte Aktion, ohne den Verstand zu steigern, obwohl es nie ein ungesunder Zustand ist, den Wordsworth in die Worte fasst: „In der hohen Stunde Des Nahens des lebendigen Gottes Hörte das Denken allia Blicken wir aber tiefer, dann sehen wir, dass nicht der Verstand selbst, sondern das angestrengte Rin- gen einer ungenügenden Verstandeskraft, mit hoher moralischer Emotion unvereinbar ist. Obwohl wir nicht zugleich tief empfinden und scharf urteilen, können wir doch nur da voll verstehn, wo wir tief