Wesen der mischen Religion. Auguralwissenschaft. 349 dal's auch die Bestimmung des Tempels eine wesentlich andere wurde, und zu dem Zwecke, dem Götter-bilde Schutz und Wohnung zu gewähren, noch ein anderer Zweck von durchaus nicht geringerer, ja vielleicht über- wiegender Wichtigkeit hinzutrat. ' Je mehr man nämlich von der künstlerischen Gestaltung und Aus- bildung der Götter-Ideale in menschlichem Sinne absah, um so gröfseres Gewicht scheint man darauf gelegt zu haben, einen bestimmenden Einflufs der Götter auf die menschlichen Verhältnisse zu erkennen, deren Vorsteher jene gewissermafsen waren, oder mit anderen Worten, den Willen der Götter zu ergründen, um nach Kundgebung desselben die menschlichen Dinge und Entschliefsungen regeln zu können. Und zwar geschah dies nicht in der Weise jener begeisterten Auslassungen einer vom Gotte er- füllten Persönlichkeit, wie dies in den griechischen Orakeln der Fall war, sondern dem schon von Alters her praktischen und verständigen Sinne des Volkes galt es zunächst und hauptsächlich ein Ja oder Nein, Zustim- mung oder Abmahnung der Götter in Bezug auf eine besondere Handlung oder Entschliefsung zu erhalten. Diese Erforschung machte den Gegen- stand der Augural-Wissenschaft aus, wonach gewisse Zeichen am Himmel, namentlich der Flug der Vögel und das Erscheinen von Blitzen, als be- jahende oder verneinende Zeichen der göttlichen Willensmeinung angesehen und gedeutet wurden. Die Beobachtung und Deutung dieser Zeichen mochte ursprünglich jedem Familienhaupte, in welchem sich mit der rechtlichen Gewalt auch die religiöse vereinigte, freigestanden haben; beim Anwachsen des Staates und bei eomplicirterer Gestaltung der geselligen und staatlichen Verhältnisse, sowie höherer Ausbildung jener Wissenschaft selbst, war diese als priester- liche Function zuerst wie es scheint auf den König, dann auf Kundige und ilVissende übergegangen, die unter dem Namen der Auguren eines der wichtigsten Priestercollegien bei den Römern bildeten und welche um den Rath und die Willensmeinung der Götter zu befragen, jedem Einzelnen gestattet, den den Staat repräsentirenden Beamten bei jeder Wichtigen Ent- S0blißfSl1ng_ dagegen geboten war. Für solche Beobachtungen nun, deren Ursprung die Römer von den Etruskern ableiteten, die sich indefs nach neueren Foyschungen als das gemeinsame Eigenthum der latinischen Stämme ergeben haben, galt es, einen geeigneten Raum auszuwählen und denselben als geweiht und heilig gegen die profane Umgebung abzugrenzen. Nur von einem solchen aus konnte die Himmelsschau stattfinden, und zwar wurde derselbe auf die einfachste Art durch Absteckung eines quadraten Bodenstückes gewonnen,