Also gemach mit gerade dem Vorwurf gegen die Gothik, dass sie ein Möbel eingemauert habe! 1st aber die Gothik schon in diesem Sinne entschuldbar, so wird sie es noch mehr, wenn wir die eigentlich tektonische Natur unseres Möbels näher untersuchen. Der Schrank, wie auch der ihm stilverwandte Kasten ist zunächst ein Bewahrungsort, d. h. bestimmt, Gegenstände unseres Besitzes aufzu- nehmen, welche sowohl ihres Wertes als auch ihrer Erhaltung wegen, einer sorgfältigem Aufbewahrung, eines Schutzes bedürfen. Nebst dem zweekangemessenen Raum ist es deshalb eine gewisse solide Sicherheit, welche der Schrank dem Inhalte bieten muss, soll er seine Aufgabe erfüllen. Es liegt auf der Hand, dass weder be- schränkte Dimensionen, noch eine zu große Beweglichkeit diesen Anforderungen entsprechen. Eine gewisse behäbige Breite und so- lide Derbheit der Form werden daher den Schrank in seinem Zweck nur zu unterstützen geeignet sein, und wenn nun auch diese beiden Eigenschaften völlig ausreichen und es keineswegs nothwendig erscheint, den Schrank gänzlich in das Gebiet der unbeweglichen, architektonischen Construction zu verweisen wie dies beim Wandschrank zutrifft so liegt dieses Zuvicl doch im Geiste der Sache und ist gleichsam der künstlerische Grenzwert derselben. Auch die Renaissance, obgleich sie den Schrank wieder zum Möbel gemacht hat (und dies von einem andern Standpunkte mit Recht, welches nach allem vorhergegangenen hier keiner weitern Begründung bedarf) hat im wesentlichen die gleiche Auffassung bekundet und den Schrank zu jenem Halbmöbel gemacht, dessen zum guten Theil architektonische Durchbildung in der That ein zweites Princip im Möbelbau bezeichnet. So ausgesprochen ist hie- bei die architektoniesierende Tendenz in der Construction und der Ornamentation, dass die spätere Barockarchitektur, wie schon er- wiähnt, den größten Theil ihrer Formen diesem Möbelstil zu ent- lehnen vermochte, ob mit Recht oder Unrecht, soll unentschieden bleiben, jedenfalls aber aus gutem Grunde. Inzwischen soll hier, ganz selbstverständlich, am wenigsten jenem Möbelstil das Wort geredet werden, welcher im Sinne dieses halbarchitektonischen Grundsatzes des Möbelbaues die Sache auf die Spitze treibt; bedeutet doch ein selbst richtiges Princip in der Kunst, wenn bis in die letzten Consequenzen verfolgt, fast stets den Beginn des Verfalls, ganz abgesehen davon, dass schon die Verschiedenheit zwischen dem architektonischen und dem tektonischen Material, also