als sich das rhythmische Element complicierter gestaltet. Je mehr Theile diesem untergeordnet sind, desto schwerer wird eben für das Auge das Einprägen und Festhalten der Formen, desto unklarer daher auch der rhythmische Eindruck, welcher, indem er die Wieder- kehr zur Voraussetzung hat, ein Merken der Form erfordert. Eurhythmie und deren natürliche Grenzen. Semper tadelt es in seinem Werke „der Stil", dass in der modernen Kunst {igu- rale Motive rhythmisch angewendet werden, d. h. eine und dieselbe Gestalt, der gleiche Kopf etc. im Ornament wiederkehrt. Mit Recht! denn der Rhythmus darf sich unter gar keiner Bedingung auf Figurales erstrecken und macht, so angewendet, einen geradezu wider- lichen Eindruck. Der Grund hiefür, welchen Semper nicht an- führt, liegt, wie es scheint, in Folgendem: Die Natur, unsere un- fehlbare Lehrmeisterin, verwendet den Rhythmus, d. h. die Wiederkehr der gleichen Formen, nur dort, wo sie bloß den Typus erreicht, nicht aber auch da, wo sie sich bereits zum Individuum empor- geschwungen hat. Jenen wiederholt sie, dieses nicht. 1) Nun ist aber der thierische tLeib in seinen höchsten Formen, zumal im Menschen, entschieden individuell, alle pflanzliche Form dagegen nur typisch, weshalb die Natur wohl die pflanzliche Form, nicht aber die thierische rhythmisch ausgestaltet; in welchem Sinne ich bereits erwähnt habe, dass wir rhythmischen Vorbildern zwar im Pflanzen- reiche, jedoch nicht im Thierreiche begegnen. Die Kunst soll auch in diesem Stücke der Natur folgen. 2) Kunstsymbolische Bedeutung der Eurhythmie. Obgleich unter den bildenden Künsten die ornamentale Kunst zum Unter- schiede von der Malerei nicht eigentlich die Aufgabe hat, Gedanken zur Darstellung zu bringen, so kann doch nicht geleugnet werden, dass auch das Ornament befähigt ist, die Bedeutung des Gegenstandes, welchen es schmückt, auf seine Weise auszudrücken. 1) Typisch ist eine Form, sobald sie der ganzen Gattung eigenthiinllich ist; individuell, sobald sie nur einem einzelnen Exemplar der Gattung; zukommt. 2) Es gibt kein mustergiltigcs Beispiel der Renaissance-Kunst, wo ausgesprochen Figurales streng rhythmisch wiederkehrte. Stets ist in derlei Fällen die IPigur variiert, wenngleich auch alles übrige unverändert wiederholt ist, wodurch allein der Rhyth- mus, ohne in seiner Ganzheit zerstört zu werden, die in diesem Punkte ihm so noth- wendige Ausnahme erleidet. Ja. selbst in Fällen. wo eine gänzliche rhythmische WViederkehr ohne Weiteres möglich gewesen wäre, hat die Renaissance zuweilen variiert, wie z. B. bei den Capitälen einer Säulenreihe. Die Hauptform kehrt in solchen Fällen wieder, aber das Detail ist verändert. Möchte doch die moderne Kunst sich einer gleichen Mannigfaltigkeit befleißigen!