Bauhaus-Universität Weimar

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[XLIV. 25] 
nicht reden.1 Für die peripherischen Schmerz- und Lustemp¬ 
findungen steht die fast allgemeine Selbstbeobachtung entgegen. 
Auch mir scheint z. B. die Vorstellung eines Stichschmerzes 
möglich, und zwar mit dem Charakter einer reproduzierten Vor¬ 
stellung in demselben Sinne, wie wir von Farben- und Ton¬ 
vorstellung reden. Was endlich die Annehmlichkeit und Unan¬ 
nehmlichkeit von Gerüchen, Farben usw. betrifft (die wir hier 
vorgreifend auch sogleich heranziehen wollen), so halten jeden¬ 
falls alle Forscher, welche darin eine immanente Eigenschaft 
der Gerüche, der Farben selbst erblicken, diese Gefühlsquali¬ 
täten für vorstellbar ohne peripherische Reizung. Denn nach 
dieser Theorie kann man ja einen Geruch, eine Farbe überhaupt 
nicht ohne solche Gefühlseigenschaft vorstellen ; wird also eine 
Farbe vorgestellt, so mufs hiernach das Gefühlsmoment mit 
1 Ribot dehnte seine Enquête auch auf Gemütsbewegungen aus, da 
auch er sie nicht von den sinnlichen Gefühlen scheidet. Hierbei wirft er 
aber die Wiederkehr einer Gemütsbewegung bei der Erinnerung an 
frühere Erlebnisse zusammen mit einer Gedächtnisvorstellung von 
einer Gemütsbewegung. Und er rechtfertigt dies ausdrücklich gegen James 
(der Bain dieselbe Verwechslung vorhielt), indem er sich darauf beruft, dafs 
doch auch die Gedächtnisvorstellungen von Sinneseindrücken nur ein 
schwächeres Auftreten der Empfindungen seien (S. 161 f.). Über den letzten 
Punkt sind nun die Psychologen geteilter Meinung. Aber auch die Ver¬ 
treter eines blofs graduellen Unterschieds leugnen nicht, dafs der graduelle 
Unterschied in gewöhnlichen Fällen enorm grofs ist, dafs die Vorstellung 
sozusagen einer anderen Zone der Intensitätsskala angehört, die von der 
Zone der Empfindungen in der Regel durch eine breite Kluft getrennt ist. 
Dabei können die Vorstellungen gleichwohl, wie James durchaus richtig 
gegen Bain bemerkt (Principles of Psychology II, 474), vollkommene Deutlich¬ 
keit besitzen ; wir können uns eine Melodie, eine Deklamation, eine Zeich¬ 
nung auch in der Erinnerung mit allen wesentlichen inneren Unterschieden 
vergegenwärtigen. Gemütsbewegungen hingegen müssen, wenn man sich 
nicht auf die Vergegenwärtigung der blofsen äufseren Umstände beschränkt, 
in der Tat aufs neue erlebt werden. 
Ribots Gewährsmann Sully-Prudhomme scheint mir hierin richtiger 
gesehen zu haben als Ribot selbst. Er berichtet, dafs er bei der Erinnerung 
an den Einzug der Deutschen in Paris immer aufs neue dieselbe Gemüts¬ 
bewegung erlebe, während das Gedächtnisbild des damaligen Paris sehr 
verschieden bleibe von jeder wirklichen Wahrnehmung („ . . . éprouver de 
nouveau cette émotion même; tandisque l’image mnémonique du Paris 
d’alors demeure dans ma mémoire très distincte de toute perception 
actuelle ... J’en viens presque à me demander si tout souvenir de 
sentiment ne revêt pas un caractère d’hallucination.“ Ribot 
S. 153).
        

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