Bauhaus-Universität Weimar

XLIV. 10] 
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(wiederum bekannten Erfahrungen über Temperaturempfindungen 
aus inneren Ursachen entsprechend), wird das Individuelle in 
der sprachlichen Wendung sogar noch stärker akzentuiert. Wollte 
man also aus solchen sprachlichen Wendungen einen Unterschied 
der „Gefühle“ und Empfindungen konstruieren, so dürften die 
Temperaturempfindungen noch weniger zu den Empfindungen 
gerechnet werden wie die Schmerzen. 
Vielleicht erwidert man, dafs wir doch eigentlich nicht den 
Ofen, sondern die Hitze des Ofens unangenehm nennen, dafs 
überhaupt die Gefühlsbezeichnungen nicht an die Objekte sondern 
an Eigenschaften der Objekte anknüpfen. Darin liefse sich 
wieder ein Beweis erblicken, dafs die in der Sprache nieder¬ 
gelegte Psychologie, also die des gewöhnlichen Bewufstseins, um 
deren Auslegung es sich gerade hier handelt, doch noch zwischen 
der Subjektivität der Temperaturempfindung und der Subjektivität 
des Schmerzgefühls unterscheide, dafs sie den Schmerz als eine 
Reaktion auf die Temperaturempfindung selbst, als ein Subjektives 
in zweiter Potenz, auffasse. 
Die Antwort hierauf ersparen wir uns an dieser Stelle, da 
wir weiterhin für den Ursprung dieser sprachlichen Gewohnheit 
eine Deutung finden werden, die ihren tatsächlichen Grundlagen 
gerecht wird, ohne die sinnlichen Gefühle darum für etwas 
anderes als für Empfindungen zu erklären: dafs sie sich nämlich 
als zentrale Mitempfindungen an andere, z. B. an die Temperatur¬ 
empfindungen, anschliefsen. Daraus begreift man, dafs die 
Sprache die Unannehmlichkeit nicht direkt mit dem Ofen son¬ 
dern mit der Hitze verbindet. 
Im übrigen gehört diese ganze Frage über den sogenannten Sub¬ 
jektivitätscharakter eigentlich nicht hierher. Denn es handelt sich 
uns doch um die Erkenntnis und Klassifikation der Elemente 
des Seelenlebens (bzw. der Erscheinungen). Hierbei darf die 
Unterscheidung einer Aufsenwelt von einem Ich keine Rolle 
spielen. Denn sie ruht offenbar auf einem Zusammenwirken vieler 
Erfahrungen. Ein Psychologe, der die verwickelten Erfahrungen, 
wie sie sich an die verschiedenen Klassen von Empfindungen 
und an die Bedingungen ihres Auftretens knüpfen, in die Be¬ 
schreibung dieser Elemente selbst hineinträgt, begeht ein Hysteron 
proteron, einen „psychologischen Fehlschlufs“. Man mufs das, 
was die Farbe zur Farbe, den Schmerz zum Schmerz macht, 
seiner inneren spezifischen Natur nach beschreiben und unter-
        

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