Bauhaus-Universität Weimar

[XLIV. 6] 
59 
Die Lehre vom Gefühlston der Empfindung ist daher sicher 
zu verwerfen. Die Ausdrücke „Gefühlston“, „stark oder schwach 
betonte Empfindungen“ kann man dabei immerhin weiter ver¬ 
wenden, sie sind für viele Fälle recht bequem und müssen nur 
eben im Sinne einer der anderen Theorien verstanden werden. 
Es bleibt also nur die Wahl zwischen der zweiten und dritten 
Auffassung : die sinnlichen Gefühle sind eine neue Gattung psychi¬ 
scher Elemente oder sie sind nur eine besondere Klasse von 
Sinnesempfindungen. Zwischen diesen beiden Ansichten steht 
die Angelegenheit nach meiner Meinung so : wenn die erste nicht 
zwingende Gründe für sich anführen kann, dann sinkt die Wag¬ 
schale ohne weiteres zugunsten der zweiten. Denn wenn man 
eine Erscheinung unter eine bereits feststehende, wohldefinierte 
Gattung von Erscheinungen subsumieren kann, wenn die allen- 
fallsigen Unterschiede nur als sekundäre, nicht durchgreifende 
aufgezeigt werden können, so widerspricht es dem wissenschaft¬ 
lichen Prinzip der Ökonomie, daraus eine selbständige Gattung 
zu machen oder auch nur sie einer weniger wohldefinierten oder 
weniger durchforschten und nicht allgemein als selbständig an¬ 
erkannten Gattung zuzmveisen. Die erste Theorie hat also die 
Beweislast. Sie mufs zeigen, dafs die Unterordnung unter den 
Begriff der Empfindung unstatthaft ist. 
Worauf beruht nun die Zuversicht, mit der man die sinn¬ 
lichen Gefühle von den sinnlichen Empfindungen trennt? So¬ 
viel ich sehe, gibt es dafür drei Hauptstützpunkte: 
a) Die Verwandtschaft der sinnlichen Gefühle mit den sog. 
höheren, geistigen Gefühlen, den Affekten oder Gemütsbewegungen, 
Sinnliche Schmerzen und geistige Schmerzen, sinnliches und 
geistiges Vergnügen gehören, heifst es, ihrer Natur nach zu¬ 
sammen. Da nun die Gemütsbewegungen, Neid, Demut, Feindes¬ 
liebe, nicht Sinnesempfindungen sind, so gilt das gleiche für die 
sinnlichen Gefühle. Was immer den Charakter von Lust und 
Leid trägt, ist grundwesentlich verschieden von den an sich 
indifferenten Empfindungen, bildet dagegen untereinander eine 
gemeinsame Gattung. 
b) Die Subjektivität der Gefühle gegenüber den Empfindungen. 
Die sinnlichen Erscheinungen werden als Eigenschaften der Aufsen- 
welt aufgefafst oder können wenigstens als solche aufgefafst werden. 
Dagegen dünkt es uns absurd, einen Schmerz oder ein Vergnügen 
als objektiv existierend, als eine Eigenschaft der Dinge aufser
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.