Bauhaus-Universität Weimar

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Ja es kann die Bewegung eintreten und der Affect aus- 
bleiben, weil wir eben sogleich das Nichtvorhandensein einer 
Gefahr erkennen. Wenn man, wie es freilich im Leben oft ge¬ 
schieht, auch in solchem Falle sagt, man sei erschrocken, statt 
zu sagen, man sei zusammengefahren, so wird man aus dieser 
übertragenen Ausdrucksweise in exceptionellen Fähen keinen 
Beweis schmieden dürfen, zumal da doch meistens auch schon 
die nachträgliche blofse V orstellung von der Möglichkeit des 
Eieignisses einen Anfang des wirklichen Affectes auf kommen läfst. 
Es ist ein Mifsverständnifs, wenn die ältere Lehre so aufge- 
fafst wird, als ob Ausdrucksbewegungen stets nur die Wir¬ 
kungen der Affecte wären. Sie können ihre Wirkung sein, 
oder wenigstens ihnen zeitlich folgen. Aber sie können auch 
gleichzeitige Begleiterscheinungen sein, oder sie können den 
Affecten unmittelbar vorausgehen. Ausdrucksbewegungen sind 
eben diejenigen äufseren Erscheinungen, aus denen ein Anderer 
die Anwesenheit eines Affectes erschliefst. Sie müssen daher eine 
hinreichend regelmäfsige zeitliche Verknüpfung mit den bezüg¬ 
lichen Affecten besitzen. Aber das genauere Zeitverhältnifs kann 
dabei ein verschiedenes sein. 
So läfst die ältere Lehre, richtig verstanden (ich will nicht 
sagen, dafs sie \ on allen ihren Anhängern so verstanden wäre), 
die nöthigen Modihcationen zu, um sich den Thatsachen der 
inneren und äufseren Wahrnehmung ungezwungen anzupassen, 
während die neuere hier wieder zu Incongruenzen führt. 
§ 10. Richtiges in der sensualistischen Lehre. 
Vach Allem können wir also die sensualistische Auffassung 
nicht als eine principielle Verbesserung des bisherigen Stand¬ 
punktes ansehen. Sie ist nur eine einseitige Uebertreibung von 
Merkmalen, auf welche frühere Beschreibungen des psychischen 
Sachverhaltes häufig nicht immer — zu wenig geachtet 
hatten. Indem wir aber diese Unvollständigkeit vieler früheren 
Lai Stellungen anerkennen, läfst sich vielleicht eine Verständigung 
erzielen. 
Gilt es, nicht blos das Minimum wesentlicher Merkmale 
anzugeben, die den Begriff des Affects überhaupt und der 
Aber schon Tiedemann interprets richtiger: „Das Bewufstsein erfordert 
einige Zeit, mu ganz vollständig oder klar zu werden.“ Die Apperceptions - 
zeit ist hier länger als die Reactionszeit.
        

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