Bauhaus-Universität Weimar

[XXI. 85] 
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Man könnte entgegnen : „Den Magenschmerz nennen wir 
nicht eine Gemüthsbewegung, aber er ist der wesentlichste Th eil 
einer solchen, und zum Ganzen fehlt nichts als die Vorstellung 
eines äufseren Ereignisses, das in gewissem Zusammenhang 
damit steht. Diese hinzukommende Vorstellung ist aber 
etwas rein Intellectuelles. Das Emotionelle an der Gemüthsbe¬ 
wegung ist doch mit dem Magenschmerz gegeben.“ 
Erinnern wir uns aber, dafs nach der ausdrücklich aner¬ 
kannten Consequenz der Lehre das Intellectuelle auch fehlen 
kann, ohne dafs der Affect aufhörte ein Affect zu sein oder auch 
nur seine Beschaffenheit zu verändern ; erinnern wir uns, dafs 
die blofse V eränderung des körperlichen Gemeingefühls durch 
den Alkohol schon als eine wahre und vollgültige Gemüths¬ 
bewegung in Anspruch genommen wird: so fällt in der That 
jeder Grund hinweg, nicht auch jedes beliebige Bauch- und 
Zahnweh als solches dem Begriff der Gemüthsbewegung unter¬ 
zuordnen. 
Vielleicht geht man nun so weit, diese Consequenz anzu¬ 
erkennen und diese Ausdehnung des Begriffs zu verlangen. Wir 
wollen daher versuchen, die Incongruenz der Lehre mit den 
Bewufstseinsthatsachen noch auf andere Weise zu verdeutlichen. 
Es ist zwar nicht möglich, Affecte ohne jede Anwesenheit 
von Organempfindungen zu erzeugen, da wir ein psychisches 
Leben ohne solche überhaupt nicht kennen. Aber wäre die 
Theorie richtig, dann müfsten die Affecte nach Intensität, 
Qualität und zeitlichem Verlauf mit den Empfindungen, 
durch die sie definirt werden, zusammenfallen. Nichts von alle¬ 
dem ist der Fall. 
aj Der tiefen Rührung über einen grofsen und edlen Charakter¬ 
zug, der Ergriffenheit eines künstlerisch veranlagten Menschen 
vor einem Bildwerk ersten Ranges oder bei einer Beethoven’- 
schen Symphonie entspricht keineswegs die verhältnifsmäfsig 
äufserst geringfügige Pulsbeschleunigung, Erweiterung der Blut- 
gefäfse und Vermehrung des Wärmegefühls, die erhöhte Spannung 
der Augen- und Ohrmuskeln und was man sonst noch an 
empfindbaren Veränderungen auftreiben mag. Jenen „subtler 
emotions“ ist James sicherlich nicht gerecht geworden. Er ge¬ 
steht hier wohl rein cerebrale Affecte ohne merkliche periphere 
Begleiterscheinungen zu; aber sie seien auch danach, „dünn
        

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