Bauhaus-Universität Weimar

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Damit kommt er doch sehr nahe an die isolierten Schmerz¬ 
empfindungen heran. 
Andererseits steht es natürlich nicht so, dafs, falls es 
keine streng isolierbaren Schmerzen gäbe, meine ganze 
Lehre von den Gefühlsempfindungen ihre Basis verlöre. Die 
Prozefslage ist vielmehr diese: gibt es isolierbare Haut¬ 
schmerzen, abgesondert von jeder anderen Empfindung, dann 
ist wenigstens für das Schmerzgefühl der Haut gesichert, dafs 
es kein Gefühlston von Tastempfindungen sein kann. Gibt es 
aber keine isolierten Hautschmerzen, dann steht es uns noch 
immer frei, sie genau so wie die an Töne und Farben geknüpften 
sog. Gefühlstöne als zentrale Mitempfindungen zu betrachten, 
und wir würden dann für den aufgegebenen Vorteil eines Partial¬ 
beweises den auch nicht zu verachtenden Vorteil einer einheit¬ 
licheren physiologischen Auffassung, und nebenbei auch in 
diesem Punkte volle Übereinstimmung mit der ZiEHENschen 
Lehre, haben. Doch mufs ich gestehen, dafs mir die Tatsachen 
— und nicht blofs die der Haut-, sondern auch mancher 
Kopf- und Zahnschmerzen und noch anderer peripherischer 
Sinnesgefühle — eine solche Vereinfachung noch nicht zu 
gestatten scheinen. So mag dieser Unterschied zunächst be¬ 
stehen bleiben, aber er ist nach meiner Schätzung durchaus 
nebensächlich. 
In dieser Angelegenheit ist aufserdem, um ganz genau 
zu sein, die Frage nach dem Vorkommen isolierter Haut¬ 
schmerzen zu trennen von der nach dem Vorhandensein be¬ 
sonderer Schmerzpunkte und Schmerznerven. Die Bejahung der 
ersten entscheidet gegen die Gefühlstonlehre. Ob dann diesem 
isolierten Hautschmerz auch eine besondere Nervenleitung ent¬ 
spricht, ist eine physiologisch-anatomische Angelegenheit. Ist 
es der Fall, so ist damit eben auch eine physiologisch-ana¬ 
tomische Isolierung gegeben, und die psychologische (phäno¬ 
menale) ist um so begreiflicher. Ist es nicht der Fall, so kann 
die Bewufstseinstatsache als solche damit nicht widerlegt wer¬ 
den, sondern erwächst nur eben die Forderung, die physiolo¬ 
gischen Vorstellungen dieser Tatsache anzupassen. Ziehen 
selbst tut dies in hypothetischer, vorbauender Weise, indem 
er sich vorstellt, dafs die sog. Schmerzpunkte sich nur dadurch 
von den Tast- und Temperaturpunkten unterscheiden könnten,
        

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