Bauhaus-Universität Weimar

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peripherisch bedingten Klasse von Gefühlsempfindungen aus¬ 
drücklich hinzu, dafs beim Gefühlssinne zentrale Gebilde oder 
Prozesse in höherem Mafse als bei anderen Sinnen ausschlag¬ 
gebend seien für das wirkliche Zustandekommen und die Be¬ 
schaffenheit der Empfindungen, da die starken individuellen 
Verschiedenheiten, die Analgesien und Hyperalgesien solche 
zentrale Einflüsse bezeugten (s. oben S. 75). Also nicht einmal 
betreffs der peripheren Gefühlsempfindungen war es richtig, 
mir die Behauptung einer spezifischen Abhängigkeit vom Organ 
ohne weiteres zuzuschieben.1 
Im Zusammenhänge mit dieser Frage des peripherischen 
Ursprunges der Schmerzempfindungen steht die der Isolier¬ 
barkeit. Dafs sich Schmerzempfindungen bei vorsichtiger 
Reizung ganz von den übrigen Hautempfindungen isolieren 
lassen, ist die Behauptung mehrerer physiologischer Fachmänner, 
die speziell in dieser Frage als Autoritäten gelten dürfen. Ziehen, 
dessen eigene Autorität ich nicht unterschätze, verhält sich 
hier skeptisch. Er erkennt an (L. 202), dafs man gewisse Er¬ 
scheinungen leichter mit dieser Anschauung erklären könnte, 
gibt aber auch Deutungen von seinem Standpunkt aus und 
begnügt sich mit dem Schlüsse, dafs man das Vorkommen 
eines isolierten Schmerzes „noch keineswegs endgültig bejahen 
könne“ (L. 204). Er gibt aber zu, dafs unter Umständen das 
Schmerzgefühl die Hautempfindung fast ganz verdecke (G. 208). 
1 Nebenbei sei noch ein Mifsverständnis richtig gestellt, das ich 
nur auf eine bedauerliche Flüchtigkeit des Lesens zurückführen kann. 
Wenn innerhalb einer Untersuchung ein Autor sich die Frage vorlegt: 
„Ist die Annehmlichkeit eines Tones vielleicht eine zentrale Mit¬ 
empfindung?“ und auf der folgenden Seite sich selbst die Antwort 
gibt: „Ja, sie ist höchst wahrscheinlich eine zentrale Mitempfin¬ 
dung“ (s. m. Abhdl. S. 82—83) — so wird kein Hermeneutiker der Welt 
in diesem anfänglichen Vielleicht und schliefslichen Höchstwahrschein¬ 
lich eine Inkonsequenz oder eine Meinungsänderung erblicken. Nach 
Ziehens Darstellung mülste man aber eine solche annehmen, wenn er 
G. 213 zu meinem „vielleicht“ die Anmerkung setzt: „Später bezeichnet 
Stumpf diese Annahme sogar als höchst wahrscheinlich.“ 
Ich will hinzufügen: Vielleicht, ja höchst wahrscheinlich würde ich 
sogar „sicher“ gesagt haben, wenn in Sachen der zentralen Nerven- 
physiologie überhaupt etwas dieses Prädikat verdiente, oder wenn eine 
gewisse dogmatische Ader mir nicht so gänzlich fehlte.
        

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