Bauhaus-Universität Weimar

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[LXXV. 8] 
nicht einmal die Töne und Farben selbst, sondern irgendwelche 
andere Empfindungsqualitäten bilden. 
So hoch mir nun Brentanos Beobachtungsgabe und 
Scharfsinn stehen, so kann ich natürlich in der blofsen Gegen¬ 
überstellung seiner Anschauung eine Widerlegung der meinigen 
nicht erblicken, glaube vielmehr vorläufig nicht nur die Einfach¬ 
heit, sondern auch die Selbstbeobachtung der meisten dafür 
anführen zu dürfen, dafs es eine Lust am Gerüche, am Ge- 
schmacke, aber auch am Tone, an der Farbe selbst geben 
kann, nicht nur eine Lust am Riechen, Schmecken, Hören, 
Sehen. Viele bestreiten überhaupt die Berechtigung dieser 
Unterscheidung zwischen Empfindungsakt und Empfindungs¬ 
inhalt, zwischen Hören und Ton. Auch ich würde sie nur in 
einem bedingten Sinne zugeben, wenn nämlich unter dem 
Riechen, Hören, Sehen das Wahrnehmen (Bemerken von Teilen 
in einem Ganzen) verstanden wird. Der Ton ist nicht das¬ 
selbe wie das Wahrnehmen des Tones; denn er kann als un¬ 
bemerkter Teil eines Klanges vorhanden sein. Aber es ist 
hier nicht nötig, in diese Kontroverse einzutreten, da Bren¬ 
tanos allgemeine Auffassung des sinnlichen Gefühles als einer 
Emotion nicht untrennbar mit dieser These verwachsen ist. 
Es ist eine andere Frage, ob alle Emotionen auf Akte ge¬ 
richtet sind, und eine andere, ob die sinnlichen Gefühle Emo¬ 
tionen sind. Auch wenn man die erste Frage bejahen müfste, 
würde ich die zweite verneinen, und auf diese kommt es hier an. 
Bei Gelegenheit dieses vierten Unterscheidungspunktes 
fügt Brentano aber eine Bemerkung bei, die, wenn sie zu¬ 
treffend wäre, ein nicht unerhebliches Argument gegen meine 
Lehre darstellen würde. Er meint, indem ich die sinnliche 
Lust und Unlust als selbständige Empfindungsqualitäten neben 
die übrigen stelle (so verstehe ich den Satz : „. . . indem er 
die Beziehung des Empfindens von Lust und Unlust zu anderen 
Qualitäten leugnet“), begebe ich mich der Möglichkeit, den 
qualitativen Differenzen innerhalb der Lust wie der Unlust 
gerecht zu werden. Ich kann jedoch nicht einsehen, warum 
die Klasse der positiven Gefühlsempfindungen, ebenso die der 
negativen, nicht noch beliebig viele Unterklassen zulassen 
sollte, und habe zwar aus methodischen Gründen, um die 
Untersuchung auf die Hauptfrage konzentriert zu halten, das
        

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