Bauhaus-Universität Weimar

104 
[LXXV. 2] 
gröfstenteils einen zentralen Ursprung haben, also zentrale 
Mitempfindungen. Von diesen rein sinnlichen Wirkungen 
unterscheide ich aber das ästhetische Wohlgefallen und Mifs- 
fallen, die Gemütsbewegungen überhaupt, die ich als Zustände 
eigener Art, als nicht in Sinnesempfindungen auflösbar, be¬ 
trachte. 
Dafs diese Anschauung von den sinnlichen Gefühlen 
ihrem allgemeinsten Sinne nach keineswegs neu ist, habe ich 
damals bereits hervorgehoben. Ich hätte unter den neueren 
auch Mach und andere Sensualisten anführen können, denen 
ebenso wie ihren Vorgängern Hobbes und Condillac das ge¬ 
samte Seelenleben und darum auch das ganze Reich der Ge¬ 
fühle nur Empfindungskomplexe darstellt. Aber die Über¬ 
einstimmung mit diesen Forschern hat für mich im gegen¬ 
wärtigen Falle wenig Gewicht, da die Möglichkeit besteht, dafs. 
ihre allgemeine, der meinigen durchaus entgegengesetzte An¬ 
schauung des psychischen Lebens ihre Lehre in diesem Punkte 
mitbestimmt. Dagegen hätte ich unbedingt Husserl zitieren 
müssen, der bereits 1901 in seinen Logischen Untersuchungen 
(II,BöO) Gefühlsempfindungen von Gefühlsakten ganz in meinem 
Sinne unterschied. Diese Ausführungen hatte ich sicher ge¬ 
lesen, aber zur Abfassungszeit meiner eigenen Abhandlung 
waren sie mir nicht mehr gegenwärtig.1 Im übrigen wird einer 
der die Geschichte dieses Problems verfolgt, namentlich bei 
den Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts vielfach ganz 
zweifellos die von mir befürwortete Auffassung vorfinden, und 
zwar auch bei ausgesprochenen Gegnern des Sensualismus. 
Es wird in derselben Weise ein scharfer Unterschied gemacht 
zwischen den sinnlichen Gefühlen, die Empfindungscharakter 
tragen, und den Gemütsbewegungen. Allerdings mufs man 
dabei nicht auf die Ausdrücke sehen, die ihre Bedeutung mehr¬ 
fach gewechselt haben, sondern auf den Sinn, die den Aus- 
1 Ziehen weist darauf hin, dafs sich der Ausdruck „Gefühlsempfin¬ 
dungen“ bereits in Brentanos Psychologie S. 109, 1874 finde. Den Namen 
kann man allerdings sogar noch früher finden, z. B. bei Hagen, Beiträge- 
zur Anthropologie S. 49—57, wo auch von Gefühlsvorstellungen (als 
Residuen) die Rede ist, und weiter zurück bei Joh. Müller (s. die im 
Text folgende historische Bemerkung). In der Sache dachte und denkt 
aber wenigstens Brentano anders.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.