Bauhaus-Universität Weimar

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damit zusammenhängenden auffallenden Verschieden¬ 
heiten bei gleicher Reizeinwirkung von hier aus in 
den Bereich einer möglichen Auflösung zu rücken. Zum min¬ 
desten wird eine fafsbare Formulierung möglich, die doch der 
erste Schritt zur Auflösung sein mufs. 
Es ist bemerkenswert, dafs die Worte „Süfs“, „Weich“, 
„Warm“ entschieden eine angenehme Gefühlsbetonung mit sich 
führen, obgleich sie zunächst doch Qualitäten bezeichnen, die 
nicht dem Gefühlssinn selbst angehören. Offenbar sind diese 
Qualitäten für den kindlichen Organismus allgemein von 
Mitempfindungen der Annehmlichkeit begleitet, und daher bleibt 
die Assoziation oder wenigstens das begriffliche Merkmal der 
Annehmlichkeit an ihnen haften.1 * In Wirklichkeit geht aber die 
angenehme Mitempfindung beim erwachsenen Europäer vielfach 
auf andere Empfindungen (des Bitteren, Salzigen, Rauhen. 
Kühlen oder Kalten) über, während die ursprünglich ange¬ 
nehmen Qualitäten geradezu unangenehm werden können. 
Worauf dieser Wechsel beruht und wie er erfolgt, ist vorläufig 
nicht zu sagen. In anderen Fällen aber, bei den individuell 
erworbenen Idiosynkrasien, können wir uns den Hergang häufig 
konstruieren. Durch einen zufälligen Umstand, z. B. schlechte 
Bereitung einer Speise, wird die Gefühlsempfindung des Ekels 
aktuell erregt. Später wird sie durch den Anblick blofs repro¬ 
duziert, geht aber gemäfs der S. 79 erwähnten Eigentümlichkeit 
sofort in wirkliche Empfindung über. Infolgedessen gesellt sich 
der Ekel als zentrale Mitempfindung diesem Anblick zu. Die 
Speise ist einem, wie das Volk sagt, „verekelt“. Durch Ver¬ 
erbung mögen dann auch die seltsamen angeborenen Idiosynkrasien 
bei manchen Individuen zustande kommen. Es ist aber nicht 
daran zu denken, dafs allgemeiner vorfindliche annexe Gefühls¬ 
empfindungen auf diesem Wege entstehen. 
Das ausgiebigste Material für entwicklungsgeschichtliche 
1 Über die Annehmlichkeitsbedeutung von „sweet“ und analogen 
Ausdrücken anderer Sprachen vgl. Ch. S. Myers, Reports of the Cambridge 
Anthropological Expedition to Torres Straits Vol. II, Pt. II, p. 187. Die 
untersuchten Eingeborenen der MuRRAY-Inseln stellten unter den vier Ge- 
schmäcken der Annehmlichkeit nach den süfsen voran. Vielfach w7ird aber 
nach Myers bei Naturvölkern das Salzige ebenso hoch geschätzt, auch mit 
gleichem Ausdruck (etwa = schmackhaft) bezeichnet. Das Bittere empfan¬ 
den seine vier Versuchspersonen einstimmig als hervorragend unangenehm.
        

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